@Bastianoso

16. Hamburger Halbmarathon

Am 27. Juni 2010 war es so weit!
Aus dem ersten Laufkurs im April 2009 hat sich mit der Zeit ein richtiger Trainingsplan entwickelt, dessen Ziel der Halbmarathon von Hella war, welcher an diesem Sonntag stattfand.
Im strahlenden Sonnenschein versammelten sich rund 6.100 Läufer im Starterfeld direkt auf der Reeperbahn, darunter auch unsere gesamte Lauftruppe und ich; nervös und unsicher ob ich bei diesen Temperaturen überhaupt meine erarbeitete Leistung auf den Asphalt bringen könnte.
Das selbstgesetzte Ziel war unter zwei Stunden zu laufen; dafür durfte ich nur wenig langsamer als 5:30 min. pro Kilometer laufen und so versuchte ich vom Start weg mein Tempo zu laufen, was erstaunlich gut funktionierte.
Mal ging die Strecke leicht bergab, mal galt es ordentliche Hügel (wir Norddeutsche sagen dazu Berge) zu erklimmen und stets pendelte meine Kilometerzeit zwischen guten 5:20 und etwas langsameren 5:40.
Die Strecke ging über die Reeperbahn, unten am Hafen zurück erneut über die Reeperbahn und dann schnurstraks geradeaus an den Landungsbrücken entlang in Richtung Hauptbahnhof über die Kennedybrücke als Wendepunkt um an die Außenalster zu gelangen. Dann „nur noch“ außen rum und von der Rothenbaumchaussee ins Ziel an der Hallerstraße.
Als inzwischen langjähriger Hamburger Quiddje eine geschichtsträchtige Strecke, die mehr als einmal für Gänsehaut sorgte:

Die Reeperbahn morgens um zehn

Der zweimalige Lauf über die Reeperbahn unter den Augen der letzten Nachtschwärmer weckte Erinnerungen an lange Nächte außerhalb des hauseigenen Rechnungszentrums.
KFC, Burger King und bunte Leuchtreklame die von der vorherigen Nacht mit all den Harley-Fahrern immer noch blinkte.
Kiezbewohner die den Läufern in Unterwäsche vom Balkon aus zujubelten und dabei gemütlich frühstückten.
Oft ließ ich meinen Blick über den Asphalt schweifen und dachte an all die schönen Momente zurück, die ich auf diesem heißen Pflaster bereits verbrachte.

Hafen und Landungsbrücken

Die Strecke unten am Hafen entlang ist mir vor allem durch den Schlagermove 2009 in Erinnerung geblieben, den strömenden Regenschauer, der seinerzeit die Schlagerstimmung in die anliegenden Lokalitäten spülte.
Vorbei am alten Elbtunnel, durch den ich schon so lange nicht mehr gelaufen bin und die spontane Idee den nächsten Elbtunnel-Marathon mitzumachen (bei dem über 48 Runden durch den Tunnel gedreht werden) kam ich ganz in Gedanken an den Landungsbrücken vorbei.
Ach, die Landungsbrücken! Vor Jahren verbrachte ich hier zahlreiche herrliche, mit Rotwein angereicherte, Sommerabende stundenlang quatschend mit meiner besten Freundin. Tanzend mit Straßenmusikern, Feuerwerk-schauend an Silvester und in weihnachtlicher Stimmung auf der Firmen-Weihnachtsfeier im alten Feuerschiff.
Während ich in Erinnerungen schwelgend den Weg passierte, untermalte ein Kanon von Vuvuzelas, Tröten, Trommeln, Klappern und johlendem Applaus meine Gedanken und ich musste mir die eine oder andere Träne wegdrücken!
Ein kurzer Blick auf die Uhr um Zeit und Puls zu kontrollieren (wieso haben diese High-Tech-Uhren eigentlich kein Thermometer eingebaut?) fokussiert mich wieder auf das Rennen und ich realisiere, dass die Hälfte schon rum ist und ich eine (für mich und einen HM) sehr gute 10km-Zeit von 55 Minuten erlaufen habe (yay!).
Meine herzensgute Begleitung Uli reicht mir ein erstes kleines Kohlenhydrate-Päckchen und wir passieren unsere erste Wasserstelle an der ich mich labe.

Oh nein, ein Tunnel!

Die Landungsbrücken hinter uns lassend surren wir gemächlich an der Speicherstadt vorbei. Ich erblicke das Miniaturwunderland und das KörberForum und werde etwas nervös, weil ich die nächsten Streckenstücken bis zur Außenalster spontan nicht mehr im Kopf habe. Werde unruhig, blicke umher und finde die blauen Markierungen des Hamburg Marathon aus dem April auf der Straße und erinnere mich an die Motorradtour, die ich mit der Hamburger Top-Athletin dort entlang gemacht habe, um ihre Strecke vorher abzufahren.
Für einen Moment ziehe ich mir gedanklich die Kradkluft an und bin schlagartig froh, so knapp bekleidet zu sein.
Vorbei an den Deichtorhallen taucht direkt vor uns plötzlich der Wallringtunnel auf. Mir wird mulmig als wir in das dunkle Loch in der Straße abtauchen. Es herrscht schlagartig eine bedrückende Stimmung. Niemand spricht. Nur das leise Trommeln der Laufschuhe ist zu vernehmen. Ich habe das Gefühl, dass mir die Decke auf den Kopf fällt und ich wünsche mir ein Auto, in dem ich jetzt das Radio aufdrehen könnte. Der Tunnel will einfach nicht enden und aufgrund fehlender GPS-Verbindung kann mich noch nicht einmal der Blick auf die Uhr ablenken. Ich schließe die Augen und versuche der Stimmung zu entfliehen, was mir jedoch nicht gelingt. Als ich die Augen wieder öffne, ist das Tunnelende immer noch nicht in Sicht! Schrecklich!
Schlagartig verwerfe ich den Gedanken an den Elbtunnel-Marathon wieder und während ich kurz überlege, ob es den anderen Läufern wohl auch so geht, dringen von hinten laute Klatsch-Geräusche nach vorne. Alles klar! Es geht allen so! Das Läuferfeld bei Minute 67 feuert sich gegenseitig mit rhythmischem Klatschen an und ehe wir uns versehen, erblicken wir wieder Sonnenlicht.
Lautes Aufatmen ist zu vernehmen und das Feld zieht sich wieder auseinander. Wir werden von einer Sambagruppe empfangen und schlagen auf die Kennedybrücke ein.

Die Kennedybrücke

Jetzt habe ich auch meine Orientierung wiedererlangt und ich sehe mich vor dem inneren Auge schon ins Ziel laufen! Die Kennedybrücke ist als Wendepunkt eingerichtet. Es geht auf der einen Straßenseite rüber, auf der Anderen zurück an die Alster. „Unnötig, langweilig, demotivierend„, grummelte ich vor mir her doch die knapp einen Kilometer lange Strecke stellt sich als kurzweilig dar. Schließlich kommen einem die ganze Zeit auch Läufer entgegen und man kann mal spicken, wer so alles vor einem liegt.
Wir passieren das Le Royal Méridien, in dem mal einige meiner Fotografien auf einer Kunstauktion versteigert wurden und ich erinnere mich an meine Begegnung mit Daniel Richter (wir waren im Auktionskatalog auf den gegenüberliegenden Seiten und kamen so ins Gespräch).
Dann, bei Kilometer 15 werde ich von Freunden laut angefeuert, was mir nochmal einen großen Motivationsschub gibt und ich freue mich auf die Strecke an der Alster entlang.

Die Außenalster – das Desaster

Als ich vor einem Jahr mit dem Laufen anfing war mein Ziel ein lockerer Lauf um die Alster und ich dachte zurück an meinen ersten Alsterlauf mit meiner besten Freundin.
Wir liefen vorbei an den schönen Alsterwiesen, auf denen ich schon so oft in der Sonne lag und dem kleinen Bootsverleih, wo man sich Tretboote leihen kann um in den begrünten Alsterkanälen Hamburg zu erkunden. Da war sie wieder: Gänsehaut. Es kribbelte im Kopf und ich dachte: „Wow! Was für ein Adrenalinschub!„.
Doch das Kribbeln wurde stärker und ich wurde enttäuscht: es handelte sich mitnichten um einen Adrenalinschub, sondern um einen massiv abfallenden Blutdruck. Mein Kreislauf verabschiedete sich gerade von mir als ich mit einem schnellen Blick auf die Uhr feststellte, dass die nächste Wasserstelle nicht annähernd erreichbar ist und auch keine Sanitäter in Reichweite sind.
Gerade rechtzeitig wies mich meine treue Begleiterin, die nur durch einen Zufall überhaupt spontan mitlaufen konnte, auf die Wassersäulen der Hamburger Wasserwerke hin.
Ich stützte mich auf dem kleinen Trinkbrunnen ab und trank und trank und trank, bis die Welt aufhörte sich zu drehen und das Bild wieder heller wurde. Die gute Fee war so lieb, wartete auf mich und verabreichte mir sogleich das nächste Kohlenhydratepäckchen und ich kam langsam wieder in den Tritt.
Der Blick auf die Uhr offenbarte glücklicherweise nur einen Zeitverlust von 20 Sekunden zur Sollzeit und das Tempo stimmte auch bald schon wieder.

Der Zieleinlauf

Nächstes Highlight: Kilometer 18,5, bei dem mein Trainer Jens warten wollte um seine Jünger anzufeuern; schließlich waren fast alle aus dem Kurs auf der Strecke!
Die Kilometer wurden länger und länger und es dauerte eine gefühlte Ewigkeit bis wir ihn erreichten und seine voyeuristischen Gelüste mit einer spontanen kleinen Aktion befriedigten 😉
Die letzte Wasserstelle lag nun hinter uns und jetzt hieß es nur noch: durchhalten!
Jetzt war das Ziel ganz nah und meine Begleiterin zog an: „Komm, die letzten Kilometer sammeln wir nochmal ein paar Leute ein!„. Ich versuchte an ihr dran zu bleiben und ließ mich ziehen. Wir steigerten das Tempo zeitweise auf schnelle 5:00 min/km (das entspräche auf 21,097 km gerechnet einer Zielzeit von 1:45:00 h, also eine Viertelstunde schneller als angedacht!) und mein Puls schlug am Maximalpuls an.
Ich blieb uneingeholt und wir überholten in einer Tour langsamere Läufer (unter anderem den arroganten SebaMed-Promoläufer im Plastik-Flaschenkostüm) als ich weitere bekannte Gesichter passierte, die mich lautstark anfeuerten und sich freuten mich zu sehen. Ein kurzer Gedanke an mein bemitleidenswertes Aussehen schoss durch meinen Kopf, doch schnell wandte sich mein Blick wieder dem Ziel zu.

Die Strecke wurde schmaler, immer enger und enger standen die Zuschauer, ohne dass der Zieleinlauf abgesperrt war. Es kam mir vor wie bei der Tour de France!
Alle brüllten, tröteten und schrien auf die Läufer ein. Es war so laut, dass meine Gedanken völlig verstummten.
Ich bekam Panik, fühlte mich eingeengt.
Meine Atmung beschleunigte sich, die Luft wurde knapp, Seitenstiche steigerten sich bis ins Unerträgliche und ich wäre am liebsten auf der Stelle umgedreht und zurückgelaufen. Aber jetzte gebe ich nicht mehr auf! Kneifen gilt nicht!
Ich zog das Tempo noch ein Stück weiter an, kniff die Augen zusammen und hastete über die Ziellinie.
Dort erwartete mich schon die sensationelle Raketa, die nach ihrer fulminanten Zeit (zwanzig Minuten vor mir eingelaufen, das entspricht ca. einer 4:30er Pace) noch extra auf mich wartete! 😀
Die Schmerzen verdrängten leider mein Lächeln vom Gesicht und auf das Geländer gestützt musste ich erstmal wieder zu Kräften kommen. Der Kreislauf sagte gerade wieder „auf Wiedersehen!“ und ich blickte mich nach der Zielversorgung um. Doch außer herumstehenden Läufern, die an ihren Schuhen fummelten war nichts zu sehen.
Scheinbar sammelte der Veranstalter als allererstes die blöden Zeitmesschips ein, noch bevor es Wasser gab und so mussten die frisch ins Ziel kommenden Läufer ad hoc stoppen und in praller Sonne wartend, an ihren Schnürsenkeln fummeln!

Liebe Leute von BMS & Hella: Das geht so gar nicht!

Bei brennender Sonne, Temperaturen über 25°C und einem gerade zurückgelegten Halbmarathon haben die Chips doch sicher noch einen Moment Zeit, oder?
Bestimmt zehn Minuten wuselte ich mich durch das Gewühl der Chipabgabe, bis ich mir den ersten Becher Wasser in den Rachen gießen konnte und ich langsam wieder zu mir kam.

Geschafft!

Derweil waren „meine Fans“ auch schon im Ziel angekommen und versorgten mich mit lobenden Worten und einem frischen Erdinger Alkoholfrei, welches auf dieser Veranstaltung leider fehlte.

Fazit

Mit diesem Lauf erreichte ich einen weiteren Meilenstein dieser Real-Life-Aktion, die sich nunmehr seit April letzten Jahres sporadisch durch dieses Blog zieht und ich kann den Laufsport immer noch wärmstens empfehlen! Der hella Halbmarathon in Hamburg ist sehr gut organisiert (der Zieleinlauf ist mein einziger Kritikpunkt) und bietet eine wunderschöne, nach DLV- und IAAF-Regeln vermessene, bestenlistentaugliche Strecke quer durch Hamburg. Egal ob man eine neue persönliche Bestzeit laufen will oder nur heil ins Ziel kommen möchte und lieber die Sehenswürdigkeiten am Streckenrand genießt, hier wird jeder einen ganz besonderen Wettkampf erleben, der einfach Spaß macht!

Mein besonderer Dank gilt, neben meinem Trainer Jens, der mir den Wettkampf empfohlen und mich professionell darauf vorbereitet hat, meiner HM-Begleiterin Uli, die mich bestens mit anregenden Gesprächen, Motivation, Wasser und den kleinen Kohlenhydrate-Päckchen versorgt hat und mich von einem Wettkampf-Abbruch abgehalten, ja, ihn sogar verhindert hat.

Nachtrag 29.06.2010: ich habe heute Antwort auf meine E-Mail an BMS bezüglich des Zieleinlaufs bekommen. Sie waren mit der Situation im Ziel auch unzufrieden, konnten den Prozess ad hoc jedoch nur mühsam entzerren. Das lag an dem neu eingeführten Zeitmesssystem, da bei dem alten der Chip nicht erst mühsam vom Schuh ausgeschnürt werden musste. Für das nächste Jahr ist eine andere Aufstellung der Posten im Ziel geplant, ebenso wie ein breiterer Zieleinlauf und eine längere Versorgungsstrecke hinter der Ziellinie.
Das klingt ja geradezu so, als müsste ich mir das nächstes Jahr nochmal ansehen, was? 😉

Dieser Artikel ist auch im Buch @Bastianoso — Eine Blog-Zeitreise von 2005 bis 2013 erschienen.

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