@Bastianoso

Kaufen für die Müllhalde

Dienstagabend.
Ermattet von der Arbeit komme ich nach Hause, stecke noch ganz in den Gedanken des Tagesgeschäfts fest und lasse mich auf mein Sofa fallen.
In der Hand das Handy, mein Werkzeug um das moderne Leben zu jonglieren, begebe ich mich auf die Suche nach einer Abendunterhaltung.
Da im Fernsehen nichts brauchbares läuft stolpere ich, mehr durch Zufall als gezielt, auf das Fernsehprogramm von Arte.
„Kaufen für die Müllhalde“, ein Themenabend rund um unsere Konsumgesellschaft.
Ich fühle mich an die US-Doku „Story of Stuff“ erinnert, die ich schon lange nicht mehr sah.
Spontan habe ich mir den Kurzfilm von Annie Leonard noch vor der Arte-Doku angesehen.
Danach schalte ich den Fernseher ein und verfolge die Dokumentation über unsere Wegwerfgesellschaft, die sich wie ein Sequel von „Story of Stuff“ anfühlt.
Der gesamte Wirtschaftskreislauf wird anhand praktischer Beispiele ausführlich erläutert. Angefangen mit der ältesten Glühbirne der Welt (Livermore) aus dem Jahre 1895, die noch heute brennt, über die „geplante Obsoleszenz“ der Glühbirnenindustrie, die 1924 mittels einem weltweit agierenden Kartell beschloss die Lebensdauer von Glühbirnen auf 1.000 Stunden zu begrenzen, bis hin zur heuten Zeit in der die geplante Obsoleszenz gelebte Realität ist.

Viele Bezeichnungen kennen wir heute für die Tatsache, dass produzierende Unternehmen bereits in der Entwicklung ihrer Produkte dafür sorgen, dass diese auch ja nicht zu lange halten: Produktlebenszyklus, Lebensdauer, Verfallsdatum, Mode, oder eben geplante Obsoleszenz.

Während der Weltwirtschaftskrise werden Abhandlungen mit dem Titel „Ending the depression by planned obsolescence“ veröffentlicht und mit der Zeit entwickeln Wirtschaft & Politik ein System, welches sich selbst nur durch stetigen und immer neuen Konsum am Leben erhalten lässt.
Nur wenn der Konsummotor läuft, läuft das Leben.

Dazu gehören Drucker, die nach einer bestimmten Seitenzahl (gemessen über einen Chip) den Dienst quittieren, Nylonstrumpfhosen, die eben doch Laufmaschen bekommen können, Glühbirnen, die nach einem Jahr kaputt gehen, mobile Elektronikgeräte, bei denen man die Batterie nicht mehr selbst wechseln kann oder eben auch Moden, die sich ständig wiederholen und abwechseln, sodass man sich immer wieder neue, zur Mode passende Schuhe oder Hosen kaufen muss.

Gerade rennen wieder alle in Karottenhosen rum, die vor gar nicht allzu langer Zeit bereits groß in Mode waren, dann aber von eher locker sitzenden Hosen abgelöst wurden.

Besonders geflasht hat mich dabei ein Satz, den ein amerikanischer Ökonomieprofessor sagte, der nur im englischen Original wirklich so zum Ausdruck gebracht werden kann, wie er gemeint ist: „The goal is to produce the most disposable product.“
„Das Ziel ist das am besten wegwerfbare Produkt zu entwerfen“, ergibt im deutschen wenig Sinn, trifft aber den Kern des Pudels.

Ebenfalls wird auf nachhaltige Produktentwicklungen der ehemaligen DDR eingegangen und wieso sich diese nicht durchgesetzt haben: weil der Konsummotor dann langsamer dreht.

Mit Grauen erinnere ich mich an unsere Bundeskanzlerin, die vor ein paar Jahren in der Neujahrsansprache deutlich forderte, wir deutschen müssten gerade jetzt in der Krise weiter konsumieren und dürften uns nicht verunsichern lassen — kein Wunder wenn man bedenkt, dass unser System sich nur durch Konsum stabilisieren lässt.
Wie sonst käme man auf die Idee eine Abwrackprämie auszurufen, die bereits für Wagen einspringt, die neun Jahre alt sind.
Neunjährige Autos funktionieren nach wie vor hervorragend, sind aber nicht mehr auf dem neuesten Stand der Technik und sicher nicht der letzte Schrei auf der Straße. Der Grund war, und das wurde auch unverblümt so herausposaunt, die Wirtschaft anzukurbeln.

Die Wirtschaft ankurbeln, damit sich unser Lebensstandard nicht verschlechtert und das ganze System nicht den Bach runtergeht.

Dass die Ressourcen der Welt dafür bei weitem nicht ausreichen ist heutzutage wohl jedem klar.

Erfreulich, und im Vergleich zur „Story of Stuff“ weiterführend ist, dass der Beitrag auf Arte auch Auswege aus diesem Dilemma aufzeigt.
Das Cradle2Cradle-Prinzip (von der Wiege zur Wiege) ist eine Möglichkeit von vielen und mich hat es besonders gefreut, dass Dr. Michael Braungart aus Hamburg in dem Beitrag ebenfalls ausführlich zu Wort kam.
Wer ihn noch nicht kennt, werfe einen Blick in meinen Artikel über die Utopia-Konferenz in Berlin aus dem Jahre 2008.
Dort hielt er einen fesselnden Beitrag über Ameisen, die nicht an Müll denken und deshalb auch keinen produzieren.

Für diesen Beitrag von Arte gebe ich einen klaren „Lesebefehl“ für alle, die die „Story of Stuff“ interessant fanden und mehr darüber erfahren wollen.
Alle anderen schauen sich am besten die „Story of Stuff“ zuerst an.

Kaufen für die Müllhalde“ jetzt ansehen

Dieser Artikel ist auch im Buch @Bastianoso — Eine Blog-Zeitreise von 2005 bis 2013 erschienen.

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