Happy-Go-Lucky

Bei Kinofilmen bin ich immer sehr wählerisch. Ich schaue mir nicht jede Produktion an, denn es reicht nicht aus, wenn mich alleine schon der Trailer anspricht. Zu oft habe ich Erfahrung gemacht, dass der Trailer bereits alle besten Szenen des Films enthält, und der Film quasi nur mit Blabla aufgeblasen wurde.
Happy-Go-Lucky fand ich thematisch schon ansprechend und hier hat mir der Trailer noch nichtmal so gut gefallen. Dafür habe ich mir ein paar Kritiken dazu durchgelesen und konnte mich schlussendlich doch dazu durchringen ihn mir im Kino anzusehen. Doch noch nichtmal das ist so einfach wie gedacht.

Denn der Film läuft gar nicht in jedem Kino. Am Dienstag, dem Kinotag, hatte ich Zeit und wollte ihn mir für günstige fünf Euro ansehen. Doch in keinem Kinotag-Kino läuft dieser Film. Im Hamburger Zeise-Kino sind wir dann fündig geworden.
Kost‘ aber € 7,50 – hier gibt es keinen festen Kinotag. Sträubend habe ich mir dann aber doch mein Portemonnaie mit dem Stemmeisen geöffnet und die zusätzlichen € 2,50 ans Tageslicht befördert – nützt ja nichts, sonst kann ich den Film halt nicht sehen.

Bevor ich jetzt mit meiner kleinen Filmkritik loslegen, schaut euch doch erstmal den Trailer an:

Filmkritik

Allein der Trailer polarisiert schon.
Eine völlig aufgedrehte, wie auf Drogen wirkende Hauptdarstellerin (Sally Hawkins), hüpft laut, grinsend, schreiend und ständig schrecklich gut gelaunt, durch London, durch ihr Leben. Völlig überflüssigerweise trägt sie auch noch den unseriösen Namen Poppy.

Anhand des Trailers alleine hätte ich entschieden, mir den Film keinesfalls anzusehen.
Die Kritiken dazu jedoch, stimmten mich neugierig.
Ich konnte mir auf der einen Seite nicht vorstellen, dass jemand einen leichten und unbesorgten Film dreht, in dem nur gelacht wird und der dadurch völlig realitätsfern wirkt, aber auf der anderen Seite würde der Charme dieses Films durch eine große Katastrophe (jemand stirbt o.ä.) völlig zerstört werden. Es müsste also eine Gratwanderung geben, die sicher nicht leicht zu meistern wäre.

Darum habe ich „Happy-Go-Lucky“ dann auch angesehen.
Ich wurde überrascht.
Schon der Anfang des Films ist ganz anders als der Trailer.
Poppy radelt gefühlte zehn Minuten durch über die Leinwand, völlig ernst.
Gut gelaunt zwar, aber ohne zu grinsen.

In mir wuchs die Hoffnung, dass es sich doch nicht um einen albernen Film handelt.
Diese Hoffnung wurde bestätigt.

Die Handlung

Der Film „Happy-Go-Lucky“ führt durch das Leben von Pauline, die sich selbst nur Poppy nennt.
Poppy ist notorisch gut gelaunt, freundlich zu jedermann und fällt scheinbar nie auf die Schnauze.

Die Handlung im Film wird schnell aufgebaut und trotzdem man mitten im Leben der 30-jährigen Poppy startet, starten viele Geschichten erst im Film. Poppy erlebt einige Niederlagen, die unsereiner nicht so schnell weggesteckt hätte.

Es sind kleine Rückschläge, auf die sie fröhlich und unbeschwert reagiert.
So fürchtete ich schon slapstickartige Komik bei den sich ankündigenden, größeren Problemen.
Doch diese werden überhaupt nicht albern, sondern mit erstaunlichem Ernst von Poppy behandelt und trotzdem unbeschwert überwunden. Sally Hawkins spielt ihre Rolle hervorragend authentisch als eine Frau, deren Blick in eine positive Zukunft gerichtet ist.
Sie geht auf alles mit einer positiven Grundeinstellung zu und sieht das Positive im Negativen ohne es zu ignorieren oder naiv zu wirken. Sie beschäftigt sich mit dem Negativen in der Welt und versucht es ins Positive zu verkehren.

Die Rollen

Es ist interessant, dass Poppy die Hauptrolle spielt, denn kaum einer der Zuschauer kann sich wohl mit ihr identifizieren, sind es doch die „Nebenrollen“, die die Realität im Hier und Jetzt wiederspiegeln.

Zoe, ihre Mitbewohnerin (gespielt von Alexis Zegerman) ist m.E. die durchschnittlichste Person im Film. Freundlich, fröhlich, tiefsinnig und ein wenig melancholisch.

Poppys Schwester Suzy (gespielt von Kate O’Flynn) hat eine unglückliche Beziehung, weiß nicht wohin mit ihrem Leben und ist daher chronisch deperessiv.

Ihre zweite Schwester, Helen, hat das scheinbar perfekte Leben, wie wir es aus „Desperate Housewives“ kennen. Sie ist verheiratet, schwanger und lebt mit ihrem Mann im eigenen sauberen Haus in einem kleinen Vorort. Und doch ist auch Helen irgendwie unzufrieden.

Poppy begegnet im Laufe des Films zahlreichen Charakteren, mit denen sich die Zuschauer am ehesten identifizieren können und wir beobachten, wie die gut gelaunte Poppy mit ihnen umgeht und ihnen mit purer Freude ihr jeweiliges Leben vorführt und aufzeigt, dass es auch anders geht.

Fazit

Der Film „Happy-Go-Lucky“ zeigt eine Episode in Poppys Leben, zeigt den Umgang und die Interaktion von ihr mit ihrer Umwelt. Lebensfroh trifft auf Lebensverzweifelt und Lebensgescheitert; jedoch ohne zu Belehren oder zu deprimieren. Der Film zeigt, dass es auch anders geht, dass es geht fröhlich durch die Welt zu wandern, egal wo man sich gerade befindet. Keine Welt ist so grau, als dass man sie nicht noch bunt anstreichen könnte.
Anschauen!

Extra

Wer nun noch nicht genug Informationen zum Hintergrund hat, kann sich auf YouTube ein Interview mit Mike Leigh reinziehen:

Die TAZ hat Mike Leigh, den Regisseur, ein paar an den Film angelehnte Fragen gestellt: Interview mit Mike Leigh vom 02.07.2008

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Dieser Artikel ist auch im Buch @Bastianoso — Eine Blog-Zeitreise von 2005 bis 2013 erschienen.
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