Hintergrundgeschichten

Ich bin ein Rollenspieler.
Zumindest im Cyberlife.
Live-Rollenspielen kann ich hingegen wirklich gar nichts abgewinnen und Leute die im Kreis auf dem Fußboden sitzen und sich abstruse Geschichten erzählen sind erst recht nichts für mich.
Das ist mir viel zu abstrakt.

Deswegen daddel ich Rollenspiele am Computer.
Egal ob ein kleines Adventure wie „Dink Smallwood“ oder was großes wie „Diablo“ oder „Gothic“, ich bin dabei!
Es gibt viel zu entdecken in diesen künstlichen Welten: kleine Geschichten, die im Hintergrund laufen, Menschen, Charaktere und Aufgaben, die es zu bewältigen gilt.
Man hat bei guten Rollenspielen gefühlt unendlich viele Interaktionsmöglichkeiten.
Interaktionsmöglichkeiten, die man im Reallife nicht hat.

Trifft man beispielsweise auf eine Gruppe Holzfäller, kann man ihnen beim Sägen helfen, oder sie abschlachten – ja nach Laune.
Denkt man an das Spiel „Postal 2“, welches recht nah an der Realität entworfen ist, so kommt man als Spieler recht schnell in eine Straßenschlacht. Man braucht lediglich in ein Haus zu gehen (die Türen sind offen) und schon wird man vom Bewohner angepöbelt.
Reagiert man nicht schnell genug, rennt er aus dem Haus und gibt der Polizei bescheid.
Diese zögert nicht lang und fängt zu prügeln an.
Schlägt man zurück ist die Straßenschlacht schon in Gange – alle machen mit.

„Postal“ ist da wohl eine Ausnahme, aber man bedenke die Möglichkeiten!

Man kann alles ausprobieren!

Das geht im Reallife nicht.
Nicht?
Nicht so ohne Weiteres, muss man hinzufügen.
Denn gehen tut es schon.

Ein Beispiel, wie es gehen könnte um sich den Hintergrundgeschichten des Reallife zu nähern ist sich einer Hilfe zu bedienen. Einem Führer, der einen hinter die Kulissen des Reallife führt.

Und genau das habe ich gestern mal ausprobiert.
Die Kurverwaltung St. Pauli bietet Führungen über den Hamburger Kiez an.
Jaja, ich höre die einen oder anderen schon stöhnen: „wie langweilig!“.
Aber dem ist nicht so!

Es sind Führungen von Pauli-Insidern.
Eingegangen wird vor allem auf die Stadtentwicklung des Stadtteils St. Pauli.
Es treten unglaublich viele Details zu Tage; Zeugen aus dem 19. Jahrhundert, die noch heute zu erkennen sind – wenn man weiß, worauf man achten muss!
Man bekommt einen ungeschönten und ungeschminkten Blick auf die sündige Meile abseits von all den billigen Konsum der zeigt, wie viel Geschichte man zwischen der Neonreklame noch greifen kann.

Ich kann jedem Hamburger nur nahelegen so eine Tour mal mitzumachen.
Gerade als Hamburger bietet einem dieser Rundgang Wissen, was in den üblichen Touri-Schosen nicht mal ansatzweise Erwähnung findet!
Boxen in der Pissrinne, Hagenbecks frühe Menschenschauen, Zuhälterkneipen und Grenzverläufe, Pestplätze, Tunnelsysteme und Drogenhöhlen – um nur einige Stichpunkte zu nennen.

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