@Bastianoso

2wei50

Lasst mich euch eine Geschichte erzählen.
Eine Geschichte über Engagement, Begeisterung und Kapitalismus.

Es war einmal in einem kleinen Städtchen der alten Hanse, wenige Jahre vor der Jahrtausendwende.
Da stand gegenüber des altehrwürdigen Gymnasiums ein kleines Programmkino mit drei Sälen und vielen kleinen roten Zahlen. Das Kino „Moderne Zeiten“ — frei benannt nach Charlie Chaplins Film spielte viel zu wenig Geld ein. Es war nicht das einzige Kino am Ort. Es gab dort auch noch die Stadthalle — ein prunkvoller Bau mit unzähligen riesigen Leinwänden und vielen vielen Sitzplätzen. Das „Moderne Zeiten“ war klein und hatte insgesamt knappe 600 Plätze. Der kleinste Kinosaal, oben über der Kasse, fasste gerade mal 78 Leute. Dem Kino drohte die Schließung, denn es konnte als Programmkino nicht mit der großen Stadthalle und den dortigen Kassenschlagern mithalten.

Kurz darauf wurde das dann auch tatsächlich Kino dichtgemacht.

Glücklicherweise jedoch nicht lange, denn findige Hansestädter konnten den Betreibern eine clevere Idee schmackhaft machen: statt das Kino völlig zu schließen sollten fortan Auszubildende der Stadthalle den alleinigen Betrieb des Kinos übernehmen. Sie allein waren verantwortlich dafür das Kino wieder in die schwarzen Zahlen zu führen und geringe Personalkosten sowie die abbezahlte Immobilie waren ein guter Startpunkt.

Es gab vor der Wiedereröffnung keine Renovierung — die alten, teils zerfetzten Sitze blieben stehen und das an den Saaldecken klebende Popcorn wurde auch nicht entfernt. Ein harter Sparkurs lag an und das wirkte sich auch auf das Filmangebot aus, aber dazu später mehr.

Der von den Azubis für das neue Kino ausgesuchte Name lautete 2wei50 — weil jede Kinokarte DM 2,50 kosten sollte (für diejenigen, die erst nach 2002 Taschengeld bekommen haben: DM steht für Deutsche Mark und hat nichts mit Hitler zu tun).
Damit war das Bier genauso teuer wie eine Kinokarte!

Jede Woche (!) wurden drei neue Filme gezeigt. Einen für jeden Saal. Im kleinsten Saal liefen zumeist Kinderfilme. Darunter Pipi Langstrumpf, Die Biene Maja oder die Muppets.
In den beiden größeren Sälen liefen alte Klassiker — Filme, die schon zig mal im Fernsehen gezeigt wurden.

Die Filme liefen dort den ganzen Tag, eine ganze Woche lang. Wer sich dort vormittags die Muppets Weihnachtsgeschichte ansah, konnte sich den selben Film nachmittags erneut zu Gemüte führen und wer abends die erste Vorstellung vom Buena Vista Social Club genoss, brauchte sich beim Bierholen für die zweite Runde lediglich noch eine Karte für günstige DM 2,50 mitbringen und konnte einfach sitzenbleiben.

À propos sitzenbleiben: es gab keine festen Sitzplätze. Das wäre zu kompliziert und langwierig gewesen. Und natürlich auch keine Reservierungen.
Dafür kaufte man Popcorn und Bier gleich mit den Kinokarten zusammen und konnte sich dann in Ruhe einen freien Platz aussuchen.

Dadurch, dass das 2wei50 nicht mehr in den Genuss einer Renovierung kam, waren die Säle noch nicht für den Kinobetreiber „sitzplatzoptimiert“. Das bedeutet, dass jemand der sich gerade erst kürzlich in der Stadthalle für DM 16,00 in die Sitzreihen gequetscht hatte und dann nicht mehr wusste, wohin mit Jacke, Popcorn, Getränken und Beinen, geradezu verwöhnt luxuriös im 2wei50 platznehmen konnte — und das zu einem Bruchteil des Stadthalle-Preises.stadthalle

Das 2wei50 mauserte sich, tagsüber unter Eltern, abends unter Jugendlichen, zu dem Treffpunkt der Stadt. Wenn die Kids am Wochenende nichts mit ihrer Zeit anzufangen wussten, gingen sie einfach auf ein paar Bier und ein paar Filme ins Kino.
Das Bier wurde noch nichtmal mitgebracht — denn dazu war es im Kino viel zu günstig. Lediglich den harten Alkohol schmuggelte man ins Kino, wobei die dort arbeitenden Azubis kein großes Hindernis waren.

Das Kino wurde immer beliebter und voller! Während man anfangs auch noch während des Films Karten bekam und es genug freie Sitzplätze gab, bildeten sich inzwischen schon 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn lange Schlangen bis auf die Straße.

Zeitweise, so hörte man seinerzeit Gerüchte durch die Straßen munkeln, soll es sogar kein Bier mehr gegeben haben!

Dass der Andrang immer größer wurde, wirkte sich leider auch auf den Erfolg des Kinos aus.
Leider? Ja, leider.
Denn diejenigen, die die Azubis einst schickten um die roten Zahlen zu verzieren, merkten nun, wie erfolgreich das Konzept des low-budget-Kinos war. Alte Filme in billiger Atmosphäre — was für eine Geschäftsidee!

Doch leider, leider leider, gehörten die mit dem Hut auf, nicht gerade zur Denkerelite der Hansestädtischen Wirtschaft.
Die Auszubildenden wurden wieder abgezogen. Sie kümmerten sich fortan nicht mehr um Kasse, Popcorn, Bier und Eis oder spulten die Filme auf, suchten neue Filme aus und betreuten die Vorstellungen, sondern saßen wieder in einem kleinen Glashaus in der Stadthalle und verkauften Tickets. Das 2wei50 schrie scheinbar so lautstark nach fachkundigem Personal, dass nur die Betreiber der Stadthalle es hören konnten.

Damit sollte sich alles ändern und das Kino bald schon wieder tiefrote Zahlen schreiben.

Erste Änderung: es gab kein Bier mehr.
Konsequenz? Die Jugendlichen brachten es mit und wurden rausgeworfen. Das beeinflusste die Stimmung im Saal extrem negativ. Schließlich wollten eigentlich alle nur in Ruhe alte Filme schauen und Bier trinken.

Zweite Änderung: die Eintrittspreise stiegen.
Höhere Eintrittspreise? Ja, auch wenn das Kino den Preis schon im Namen hat — wen stört das denn die Karten teurer zu machen?

2wei-euro

So stieg der Preis allmählich von DM 2,50 auf DM 3,50 auf € 1,80 (das war die Euro-Umstellung) und schließlich auf über € 3,50. Klar, immer noch sehr günstig für einen Kinobesuch doch nicht nur die Preise änderten sich. Auch die Filmauswahl wurde überarbeitet.

Anstatt alte Schinken zu zeigen, die schon ewig nicht mehr im Kino zu sehen waren, wurden die Filme allmählich immer neuer, sodass es bald kaum noch einen Grund gab in die Stadthalle zu gehen. Die Filme liefen teilweise zeitgleich in beiden Kinos mit einem Preisunterschied von € 4,00!

Alles was blieb war das, für € 3,50 doch recht heruntergekommene Ambiente, die schlechte Akustik und das unscharfe Bild.
Alles was das Kino liebenswert machte, die nette Bedienung, die tolle Filmauswahl und die kleinen Preise, wurden durch austauschbaren Kommerz und Kontrolle ersetzt.

Es passierte was passieren musste: die Besucherzahlen brachen ein, die Verantwortlichen waren entsetzt und erklärten das Kino für tot. Nun sitzt an der Stelle wieder ein Programmkino. Das Filmhaus.

Über Zehn Jahre danach trauere ich diesem billigen Kino für alle immer noch hinterher. Klar, ist das zu verschmerzen wenn zu Hause ein rotes Samtsofa vor dem Flatscreen mit fetter Anlage dahinter sitzt und das Bier im Kühlschrank zur freien Verfügung steht — aber es ist eben kein gesellschaftliches Ereignis sich auf sein eigenes Sofa zu setzen.

Dann lieber mit dem Freunden um die Ecke ins Kino!

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Martin

Ein sehr schön geschriebener Beitrag. Hat Spaß gemacht ihn zu lesen 😀

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