Unsere Erde – Der Film

Ich liebe ja gut gemachte Naturdokumentationen. Schöne lange Szenen ohne schnelle Schnitte mit tollen Bildern von springenden Delphinschulen, fliegenden Vögeln, oder jagenden Raubkatzen.

Besonders gefallen haben mir immer die Dokumentationen von der BBC. Hohes Niveau, mittlerer Informationsgrad.
Der mittlere Informationsgrad gefällt mir gerade deshalb, weil viele Tierdokumentationen dazu tendieren, den Zuschauer mit Tonnen von Informationen über die sich gerade im Bild befindliche Tierart und dessen Umwelt zu füttern.

Da schaut man sich dann 60 Minuten diese Doku an und bekommt so viele Informationen zugespielt, dass man sie überhaupt nicht verarbeiten kann – kurzum: das Hirn geht zu.
Man schaut sich nur noch die Bilder an, der Sprecher ist einem völlig egal und sein Gefaseln tangiert nur periphär.

BCC macht das da richtig. Angenehme Sprecherstimme, wenig Informationen, die dafür sinnvoll und fassbar sind.
Toll wäre, wenn man sich per Untertitel mehr Informationen einfach dazuholen könnte – aber nun übertreiben wir es mal nicht mit meinen Ansprüchen 😉 .

Der Film „Unsere Erde“ wurde ja nun mächtigst beworben, sogar Google-Anzeigen habe ich gesehen!
Und so fing der Film mit einer Werbung von Ford an…naja :-/

Der Film hat eine Handlung und diese zieht sich von Nordpol bis zum Südpol und wieder zurück. Dabei werden eine Hand voll Tiere näher vorgestellt. Glücklicherweise verzichteten die Macher darauf, den Tieren putzige Namen, wie Molly, zu geben.

Dem Film in der Presse zu entgehen ist derzeit quasi unmöglich und so ist mir zu Ohren gekommen, dieser Film würde wachrütteln und schockieren und dabei trotzdem sehr schöne Bilder unseres blauen Planeten zu zeigen. Spektakuläre Kamerafahrten und neueste Aufnahmetechniken wurden angepriesen – dementsprechend hoch waren meine Erwartungen.

Der Film startet mit Eisbären am Nordpol auf der Suche nach Nahrung über der schmelzenden Eisdecke.
Schöne Aufnahmen mit lustigen Tierszenen in denen kleine Eisbären-Babies die Hügel herunterkugeln.

Im Verlaufe des Film bewegt man sich als Zuschauer immer weiter in Richtung Süden, man stößt an die Baumgrenze mit dem ersten Nadelholz, landet so nach und nach im Regenwald und schließlich beim Südpol.

Dort treffen wir auf eine Buckelwal-Mama mit ihrem jungen Kalb (so ein Buckelwalkalb trink ca. 600 Liter Milch am Tag!), die sich auf den Weg gen Norden machen um den dortigen kurzen Sommer zum Krillfressen nutzen wollen.

Auf deren Reise treffen wir ein paar Seehunde, die vom weißen Hai verschluckt werden, sowie Walrosse, die sich dagegen wehren, vom Eisbären gefressen zu werden.

Und dann, der Abspann.

Noch schnell eine Mahnung hinterhergeschoben, wie gefährdet unser Planet doch ist, und dass es noch nicht zu spät ist den Klimawandel positiv zu beeinflussen.
Dann nur noch seichte Musik und der Abspann rollt durch.

Wie? Das war es schon?

Also, zählen wir mal zusammen, wir haben gesehen:

  1. Eisbären-Mama, zwei Kinder und der Papa
  2. ein Luchs
  3. zwei Schneeleoparden
  4. eine Mandarinente mit Kiddies (sehr eindrucksvolle Flugshow!)
  5. eine riesige Herde Karibus
  6. ein Haufen Affen
  7. ein paar Wölfe
  8. ein weißer Hai
  9. eine Gruppe Walrösser
  10. eine Elefantenherde
  11. eine riesige Herde Thomson-Gazellen
  12. eine kleine Schule Delphin
  13. ein paar Fächerfische
  14. vier Paradiesvögel
  15. eine Gruppe Kraniche
  16. ein dutzend Löwen
  17. zwei Buckelwale

Also mit Ausnahme einiger mitgefilmter Beutetiere hätten wir hier knapp 17 verschiedene Tierarten, die den Film voll ausgefüllt haben.
Ich hatte wirklich keine bunte Tierartenschau erwartet!
Wer sich jedoch für Tierdokumentationen interessiert weiß, dass unser Ökosystem wesentlich umfangreicher und mit mehr Abhängigkeiten als 17 gesegnet ist. Der gesamte Mikrokosmos wurde beispielsweise nicht einmal erwähnt!
Es wurde zwar auf die Abhängigkeit des Lebens von der Sonne und des Wassers eingegangen, dabei aber unterschlagen, dass es auch sonnenlichtunabhängiges Leben in der Tiefsee gibt.

Das komplexe Entstehen des Wettergeschehens und seine Auswirkungen auf unsere Umwelt wurden mit einem Satz erwähnt, den man in etwa so zusammenfassen könnte: „Die Sonne verdampft Wasser über dem Meer, dieses regnet/schneit wieder nieder. Kreislauf geschlossen.“

Der wissenschaftliche Hintergrund wurde sehr knapp und dünn bemessen. Unverständlicherweise wurde minutenlang das Polarlicht gezeigt, ohne auch nur ansatzweise auf dessen Entstehung einzugehen.

Der Sprecher war leider nicht mein Lieblings-BBC-Sprecher Norbert Langer, der auch bei „Unser blauer Planet“ gesprochen hat, sondern ein völlig euphorischer Ulrich Tukur der den Kinobesuchern laut „ENDLICH!“ entgegenbrüllte, als die Kraniche den Himalaya überflogen.

Insgesamt hatte ich eher den Eindruck, es ginge den Machern nicht um eine schöne Naturdokumentation die aufrütteln soll, sondern um einen Hollywood-inspirierten Schinken mit Story im Hintergrund.
Die einzelnen Szenen des Films waren sehr schön zusammen komponiert, möchte man sagen. Doch fehlt eindeutig der Tiefgang. Mich hat dieser Film nicht wachgerüttelt. Da hilft auch das Sponsoring von Ford nicht, und auch nicht die Ähnlichkeit des Logos mit dem Langneselogo.

Meine DVD „Unser blauer Planet„, die ich mal geschenkt bekam, geht wesentlich mehr in die Tiefe und zeigt die vielfältigen Abhängigkeiten der Lebewesen im Wasser deutlich auf.

Die DVD kann ich jedem uneingeschränkt empfehlen. Das Bewusstsein, wie empfindlich das Konstrukt Erde ist, stellt sich dann von selbst ein.

Mein Fazit:

Ob der großen Publicity, die dieser Film derzeit erfährt, und der Erwartungen, die sich daraus ergeben, bin ich enttäuscht.
Der Film war schön, aber nicht spektakulär.
Es war schön ihn im Kino zu sehen.
Aber er hat mich nicht wachgerüttelt.
Nicht wacher als ich ohnehin schon bin.
Es wurden keine direkten Folgen unseres täglichen Verhaltens aufgezeigt, sodass man den Tod eines Eisbären auf den Energieeffizienzklasse-D-Kühlschrank in der Küche hätte zurückführen können.
Es fehlt diesem Film eindeutig an Tiefgang – da hatte Moby Dick ja mehr Tiefgang.

Die Menschen fühlen sich in Bezug auf die globale Erderwärmung ohnmächtig. Wenn man ihnen dann noch erzählt, dass die Buckelwale aufgrund der Klimaveränderungen bald keinen Krill mehr zu fressen haben – was bleibt da beim Zuschauer außer völliger Resignation?
Kaufen sich jetzt alle einen Ford und retten so die Welt?
Da gehe ich lieber zu Weltretter.org und tue direkt Gutes!

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