Unprätentiöser Jahresrückblick vom Pandemie-Jahr 2020

Hinweis: Nettgemeinter Rat: dies ist ein uuunendlich laaanger Artikel. Muss man definitiv nicht gelesen haben. Nur Geschwafel ohne Sinn und Verstand über ein Jahr, das von jedem gehasst wird.
Dieser Artikel wurde vorsorglich als unbezahlte Werbung markiert.
(Unbeauftrage Werbung durch Markennennung, ggf. Abbildung und Verlinkung; selbst gekauft)

Eigentlich wollte ich gar keinen Jahresrückblick schreiben. Zum Einen gibt es die ausführlichen Corona-Tagebücher über das Pandemie-Jahr, in denen ich in aller Länge und Breite über fast jeden Tag des Jahres Bericht geführt habe, und zum Anderen stellte sich mir die Frage, wie man dieses Pandemie-Jahr nur zusammenfassen soll?

Einfach nur die Fakten auflisten?
Eine gefühllose Aneinanderreihung von Ereignissen wird diesem Pandemie-Jahr bei Weitem nicht gerecht.

Über persönliche Gefühle schreiben?
Gefühlsduseleien haben in einem Jahresrückblick, insbesondere bei diesem Pandemie-Jahr, auch nur bedingt etwas verloren.

Wie geht Jahresrückblick?

Üblicherweise stelle ich in meinen Retrospektiven den Startpunkt dar, gebe die Entwicklung über das Jahr wieder und am Ende gibt es eine Art Abrechnung.
Was waren die konkreten Ziele? Welche davon wurden erreicht, welche nicht? Was waren mögliche Gründe dafür?

Aber auch das will nicht so recht zu diesem Pandemie-Jahr passen.
2020 hat nun wirklich alles auf den Kopf gestellt, was man so umkrempeln kann.
Daher versuche ich mich einfach mal daran, frei Schnauze mit den Ereignis als roten Faden, das Pandemie-Jahr abzulaufen. Das Fazit bleibe ich dabei schuldig, denn wenngleich das Pandemie-Jahr 2020 endet und wir fortan 2021 unter unsere Dokumente schreiben werden, so wird sich an der aktuellen Situation erst einmal nichts ändern.

Der schiere persönliche Beschluss, dass mit dem neuen Jahr alles anders werden wird, man ab dem 1. Januar ein besserer Mensch wird, wird dieses Mal schlichtweg nicht funktionieren. Die äußeren Umstände zwingen uns dazu, uns auch in diesem Bereich neu zu (er)finden.

Silvester 2019 und der Start in ein neues Jahr 2020

Der Start ins Pandemie-Jahr 2020

Am 31.12.2019 treffen wir uns zur Abwechslung mit Freunden im kleinen Kreis und machen gemütlich und über Stunden Raclette. Die Jahre davor standen stets größere Silvester-Partys auf dem Plan und das ist doch mal eine nette Abwechslung, dachten wir uns zumindest vor gut einem Jahr.

Direkt am 1. Januar geht’s auf das erste Konzert des Jahres — die Hamburger Symphoniker spielen Beethovens Neunte.
Und auch in den folgenden Wochen sind wir reichlich umtriebig. Kinobesuche, Stadtbummel, Kneipenabende mit Freunden und Kollegen. Wir besuchen Fußballspiele in vollen Stadien, reisen beruflich und privat viel quer durch Deutschland. Wir besuchen Freunde, gehen ins Fitness-Studio oder zu Massagen, besuchen Messen und Ausstellungen, sind auf Geburtstagspartys und besuchen einen Sprachkurs zu Vorbereitung auf unseren lange geplanten Urlaub.

Urlaub?

Der Wunsch sprießt schon seit mehreren Jahren und seit rund eineinhalb Jahren haben wir intensiv daran geplant. Drei Wochen Urlaub am anderen Ende der Welt (naja, fast). Wir haben unzählige YouTube-Videos geschaut, Rezensionen gelesen, sind die Gegenden mit Google StreetView abgelaufen und haben uns Marker und ortsbezogene Erinnerungen gesetzt, um ja nichts cooles zu verpassen, weil man vielleicht doch arglos daran vorbei läuft. Alle Hotels, Flüge und Züge sind gebucht. Teilweise auch bereits Eintritte für Museen.

Anlässlich des Urlaubs besuchen wir auch einen Sprachkurs, um nicht so völlig aufgeschmissen zu sein. Natürlich ist unser Anspruch nicht, binnen weniger Monate eine völlig Fremde Sprache zu lernen, aber man möchte doch zumindest die gängigsten Floskeln halbwegs fehlerfrei rausbringen und in der Lage sein einen Kaffee zu bestellen, ohne ins Englische verfallen zu müssen.

Am Ende steht eine voll geschriebene Metaplan-Wand mit einem detaillierten Ablaufplan der Aufenthaltsorte und Transfers. Dazu ein gespickter Reiseführer mit allen Informationen, die man so braucht.

Aber dazu später mehr …

Februar 2020

Bis Ende Februar läuft so weit alles noch normal. Ja, klar hat man im Januar das mit der „mysteriösen Lungenkrankheit“ in China mitbekommen. Aber sowas läuft doch immer unter dem Radar. Keiner Rede wert.
Die letzte Geschichte mit diesen Sprossen war ja auch nicht so schlimm.
Hätte man mir damals gesagt, dass uns ein Pandemie-Jahr erwartet, ich hätte ihn ausgelacht.

Doch gegen Ende des Monats wird die Lage etwas bedrohlicher. In der Firma wird zunächst von nur von Auslandsreisen abgeraten. Wenige Tage später werden Mitarbeiter, die kürzlich im Ausland waren, nach Hause geschickt. In sogenannte „freiwillige Selbstisolation„. Dass dieses Wort schon bald mein gesamtes Jahr beherrschen wird, ist mir dabei noch nicht klar und ich widme mich weiter der Arbeit, persönlich vor Ort am anderen Standort. Tägliche Zugfahrten nach Hause mit inbegriffen.

Im Büro werden angewiesen, jeden Abend unsere Laptops mit nach Hause zu nehmen und im Internet teilt man lustige Videos davon, wie man sich richtig die Hände wäscht und erste Fotos von leeren Supermarktregalen machen die Runde. Alles witzig und harmlos.

Und im März zeigte das Pandemie-Jahr auch uns seine hässliche Fratze

Bereits wenige Tage später wird von meinem Arbeitgeber empfohlen, dass berufliche Pendeln einzuschränken. Also sitze ich im Büro und mache Videocalls mit den anderen Standorten.

Am Wochenende geht’s noch mit ein paar Freunden und rund 13.000 anderen Menschen auf ein fettes Konzert. Und danach geht Corona dann richtig los.

Initiales HomeOffice-Setup im Pandemie-Jahr

Das Büro weist jeden an, fortan und bis auf Weiteres aus dem HomeOffice heraus zu arbeiten und so sitze ich seit dem 9. März Zuhause.

Wenige Tage später startet der erste bundesweite Lockdown in Deutschland und auf einmal sitzen alle Zuhause.

Abends wird für die „systemrelevanten“ Berufe geklatscht und die Supermarktregale sind durch Hamsterkäufe wie leergefegt.
Klopapier, Nudeln, Mehl, Hefe, alles ausverkauft.

Alle Details dieser Zeit finden sich in meinen von nun an fast täglich geführten Corona-Tagebüchern. Ich versuche mich daher in diesem Jahresrückblick auf die größeren Meilensteine zu konzentrieren.

Wir haben unseren Alltag radikal umstrukturiert

Anstatt abends auf dem Weg vom Büro nach Hause noch mal schnell einkaufen zu gehen, bestellen wir jetzt online. Glücklicherweise bietet unser lokaler Supermarkt einen Lieferservice an und so lassen wir uns alles, was wir sonst so brauchen, darüber liefern.

Durch einen glücklichen Zufall sind wir für unser tägliches Brot bereits gut versorgt, denn wir haben uns zum Jahresanfang bei HelloFresh angemeldet und bekommen so jede Woche eine Kiste mit leckeren, gesunden und ausgewogenen Gerichten geliefert, die bloß noch gekocht werden müssen.

Im Laufe von März und April überschlagen sich die Ereignisse geradezu. Während ich eigentlich noch naiv davon ausgehe, nun erstmal ein paar Wochen in Ruhe und und mit gesteigerter Produktivität aus dem HomeOffice heraus arbeiten zu können, dreht sich die Welt draußen weiter. Konzerte, Theaterbesuche, Muscialtickets — alles wird abgesagt und/oder verlegt. Auch unser Städtetrip, den wir noch vor den großen und lange geplanten Sommerurlaub eingeschoben hatten, wird abgesagt.

It’s Lockdown-Time, baby!

Der erste Lockdown

Wir versuchen den Lockdown bestmöglich umzusetzen, treffen weder Freunde und Familie, machen Videocalls, um nicht ganz zu vereinsamen und irgendwie fühlt sich alles aufregend an. Eine kurzzeitige Ausnahmesituation, die allen gleichermaßen viel abverlangt — aber irgendwie funktioniert es.

Wir nehmen sogar live an einer virtuellen Weinprobe teil und habe dabei recht viel Spaß!

Ausschließliches remote arbeiten funktioniert erstaunlich gut. Wir haben überraschenderweise keinerlei Abstimmungsprobleme und die Projekte laufen erstmal normal weiter. Lediglich mein Arbeitsplatz ist nicht sehr ergonomisch, aber für ein paar Wochen kann man das schon so machen.
Es ist spannend zu sehen, wie Freunde, Nachbarn und Familie mit der Situation umgehen. Alle sitzen im selben Boot und versuchen das Beste daraus zu machen. Ich glaube voll und ganz an eine solidarische Gesellschaft und habe fast schon Freude daran zu beobachten, wie gut alles ineinander greift und man sich gegenseitig hilft, wo man kann.

Die Krise in ihren Anfängen

Zwischen März und April kommt Corona dann auch inhaltlich in meinem beruflichen Alltag an.
Notfallsituation „im Büro“. Alle Projekte werden gestoppt und die Entwicklung konzentriert sich voll und ganz auf den Umgang mit der aktuellen Situation. Ich schreibe Reports und Berichte, informiere alle Stakeholder und phase neue Projekte ein.
Die Prioritäten haben sich von heute auf morgen um 180° gedreht und alle arbeiten hektisch im Feuerlöscher-Modus. Hektische Geschäftigkeit, ich eile von Call zu Call und häufe Überstunde um Überstunde an.
Die Tage bestehen eigentlich nur noch aus Arbeit, Essen kochen und schlafen gehen.

So langsam dämmert mir, dass die Geschichte doch nicht binnen weniger Wochen vorüber sein wird.
Von einem Pandemie-Jahr zu sprechen, würde ich dennoch als übertrieben abtun.

April, April!

Während unser Kurztrip abgesagt wurde, tun wir uns mit unserem über ein Jahr lang geplanten Sommerurlaub noch schwer. Fliegen wir, oder fliegen wir nicht?
Drei Wochen Urlaub, minutiös geplant; alle Hotels und Transfers bereits gebucht und bezahlt.
Wie soll man das so kurz vorher stornieren? Außerdem soll der Lockdown ja auch bald enden und dann ist alles wieder, wie vorher — oder etwa nicht?
Uns fehlen schlichtweg die Fakten, um eine objektive Beurteilung der Situation vornehmen zu können — und die Politik ist dabei keine große Hilfe.

Die Arbeitsbelastung ist immer noch unmenschlich hoch. Teilweise drei Termine parallel, Call an Call den ganzen Tag und darüber hinaus. Zeit für richtige Arbeit? Keine. So halte ich das nicht mehr lange durch, aber es nützt ja nichts.

Alltagsmaske während für das Pandemie-Jahr 2020

Als sich die Bundesregierung dann irgendwann mal dazu hinreißen lässt, alle Großveranstaltungen bis zum 31. August zu untersagen, widmen auch wir uns dem neuen Projekt „Urlaubsabsage 2020„.

Wir schreiben E-Mails und füllen Stornoformular um Stornoformular aus.
Immer in der Hoffnung, wenigstens einen kleinen Teil des bezahlten Geldes wieder zu bekommen.
Das klappt auch erstaunlich gut, sogar die Lufthansa will uns den Flugpreis erstatten. Na immerhin. Das war auch mit Abstand der größte Posten der Urlaubskosten.

Abends sitzen wir nach der Arbeit inzwischen an der Nähmaschinen und nähen uns Alltagsmasken. Viele brauchen wir ja nicht. Zwei bis drei sollten für unsere kurzen Ausflüge nach Draußen reichen.

Einen Teil meines Urlaubs storniere ich und arbeite stattdessen. Es ist einfach zu viel zu tun und es brennt an allen Ecken und Enden. Sehr unbefriedigende Wochen liegen noch vor mir.

Der Mai macht nichts neu

Im Mai geht es genau so weiter, wie im Monat davor. Und auch die darauffolgenden Monate bieten nur wenig Abwechslung. Ich schreibe weiter fleißig mein Tagebuch und um ehrlich zu sein, hauptsächlich aus dem Grund, um noch etwas Privates zu haben und nicht völlig durchzudrehen. Jetzt, wo das Pandemie-Jahr 2020 vorüber ist und ich an diesem Jahresrückblick schreibe, weiß ich, wie nahe ich dem Burnout im Sommer war. Knapp dran vorbeigeschleift, könnte man sagen.
Die Gründe dafür liegen im Nachhinein betrachtet auf der Hand, nur sehen konnte ich das Anfang des Jahres nicht so klar:

  • selbst mit Überstunden unschaffbare Arbeitsbelastung
  • erschwerte Arbeitsbedingungen durch kompliziertere Abstimmungen
  • das Damoklesschwert der Coronainfektion immer über einem
  • ein drohender Zusammenbruch der Wirtschaft
  • keinerlei Freizeitausgleich möglich

Die aktuelle Arbeitssituation hat wirklich nichts mehr mit meinen produktiven HomeOffice-Tagen zu tun, wie ich sie einst zu schätzen lernte.

Was hat mich durch Corona getragen?

Anfang Mai wurde nach wochenlanger Suche und einigen fehlgeschlagenen Bestellversuchen endlich meine Nintendo Switch geliefert! Inklusive dem Spiel „Animal Crossing: New Horizons„.
Und ganz ehrlich: das Ding hat mich über den Sommer gebracht! So albern wie es klingen mag.

Mit Animal Crossing durch das Pandemie-Jahr
Mit Animal Crossing durch die Corona-Krise

Klar gibt es, vor allem psychologisch gesehen, bessere Methoden, um mit Extremsituationen umzugehen. Aber da vieles davon gerade schlichtweg unmöglich ist, ist die Flucht in ein Computerspiel, fernab der Realität, tatsächlich sehr hilfreich. Abends flüchte ich mich auf meine einsame Insel mit niedlichen tierischen Bewohnern und beschäftige mich damit, Blumen zu pflanzen und völlig harmlose, irrelevante Gespräche zu führen.

Und dann kam der unsägliche Sommer

An der Arbeitsbelastung hat sich nichts geändert. Doch in der Gesellschaft fand eine Änderung statt: der Sommer steht vor der Tür und trotz Pandemielage, gerade halbwegs überstandenem Lockdown, fahren alle quer durch Deutschland in den Urlaub. Klar, aufgrund geschlossener Grenzen und Notständen in diversen Ländern, machen die Menschen vermehrt im eigenen Land Urlaub. Aber die Solidarität beginnt zu bröckeln.

Der Held im Erdbeerfeld im Pandemie-Jahr

Das nehme ich erst noch gar nicht so wahr. Vielleicht täuscht mich das schöne Wetter darüber hinweg.
Anstatt mit Heizung und dickem Pulli, sitze ich nun mit T-Shirt und Ventilator in den Calls und auch wir wagen uns wieder vor der Tür. Gehen sogar auf den Wochenmarkt und besuchen im Juni sogar ein Erdbeerfeld oder gehen spazieren.

Über den Sommer geht die Zahl der Neuinfektionen deutlich zurück, das Infektionsgeschehen scheint sich zu beruhigen. In mir wächst die Angst vor einem katastrophalen Herbst, und so bleiben wir vorsichtig.

So langsam wird mir klar, dass 2020 tatsächlich zum Pandemie-Jahr werden wird und Corona das bestimmende Thema sein wird.
Mitte Juni wird dann auch die Corona-Warn-App vorgestellt. Da dachte ich zwar noch, dass es nun auch zu spät sei und wir die App eigentlich gar nicht mehr brauchen. Ungeahnt, wie sehr ich mich irren würde.

Denn natürlich ist Corona noch lange nicht vorbei; trotz Außengastronomie und Sommerurlaub.
Alle kreuchen und fleuchen draußen herum, hektische Betriebsamkeit und die Zahlen sind erstaunlich gering.

Im Juli „genieße“ ich ein paar Tage meines verschobenen Sommerurlaubs und arbeite an der Optimierung unserer Netzwerkinfrastruktur und behebe ein paar kleinere Probleme mit meinem Privatrechner.

Wir machen tatsächlich so etwas wie „Urlaub“ im Pandemie-Jahr

Die Euphorie der niedrigen Neuinfektionen treibt sogar uns dazu, im August den Versuch eines Urlaubs zu machen.
Wir informieren uns vorab ausführlich über die umgesetzten Hygienemaßnahmen und Auslastung des Hotels an der Ostsee und sind optimistisch, das einigermaßen gefahrlos über die Bühne zu bekommen.

Urlaub vom Pandemie-Jahr 2020

Sicherheitshalber buchen wir aber nur eine Übernachtung. Dann tut es finanziell nicht so weh, wenn wir doch direkt wieder abreisen, weil alles unverantwortlich ist. Ist es aber zum Glück nicht. Das Hotel hat überall dafür gesorgt, dass ausreichend Abstand gehalten wird und auf dem gesamten Gelände gilt eine Maskenpflicht.

Durch die weiträumige Landschaft, kann man sich auch gegenseitig sehr gut aus dem Weg gehen und so haben wir tatsächlich einen Tag lang so halbwegs Urlaub vom Pandemie-Jahr.
So richtig genießen und abschalten kann ich aber leider nicht.
„Im Büro“ ist immer noch unverändert viel zu tun.

Jeden Tag ist irgend etwas anders. Neue Maßnahmen, Lockerungen und Umstände jeden Tag wirken zermürbend auf mich und meine Motivation. Es ist einfach nur noch anstrengend, die Tage zu überstehen und dabei halbwegs optimistisch zu bleiben.
Animal Crossing ist eine super Ablenkung, aber auch das wirkt eben nur bis zu einem gewissen Punkt.

Die Ankündigung im August, dass wir bald alle wieder ins Büro kommen sollen, macht das nicht besser.
Da ich hauptsächlich mit einem anderen Standort kommuniziere, würde ich mich eh nur von einem anderen Ort aus in die Calls einwählen und ehrlich gesagt, habe ich immer noch keine Lust, mich anzustecken.

„Glücklicherweise“ lässt ein erneutes Ansteigen der Neuinfektionen nicht lange auf sich warten, sodass die Ansage bald schon wieder Geschichte ist und ich es vermeiden konnte, mit anderen Kollegen für zig Stunden in einem Büroraum zu sitzen.

September, Oktober, November

Ich führe weiter tapfer mein Tagebuch fort, die Arbeit „im Büro“ verändert sich und es wird hier und dort etwas umstrukturiert, um sich besser auf die Situation einstellen zu können. So recht will keine wirkliche Routine aufkommen. Wir sind immer noch im Ausnahmezustand, doch etwas hat sich geändert.

Mit Ablauf des Sommers scheint die Pandemie von der Gesellschaft für beendet erklärt worden zu sein.
Überall werden weitreichende Lockerungen gefordert und hier und dort kommt die Politik dem auch nach. Das Infektionsgeschehen rechtfertigt keine weiteren Beschränkungen und so hat das Virus leichtes Spiel, sich bei zahlreichen Veranstaltungen und privaten Zusammenkünften auszubreiten.

leise Saxophon spielen mit dem Roland Aerophone

Ich bin es nun endgültig leid, mich überhaupt noch mit Corona zu befassen. Und die Gesellschaft, alle voran diese unsäglichen Menschen, die sogar die Existenz des Virus leugnen, gehen mir mächtig auf den Senkel.

Man gewinnt den Eindruck, dass das alles doch gar nicht wahr sein kann und wünscht sich ein rasches Erwachen aus diesem Albtraum. Ich bin es auch leid ständig Einladungen zu Geburtstagen und Partys absagen zu müssen, aber scheinbar ist das der einzig gangbare Weg.

Zum Ausgleich versuche ich mich seit langem mal wieder am Musizieren und krame mein Saxophon aus dem Keller. Damit ich den Nachbarn nicht so unerhört auf den Senkel gehe, beschaffe ich mir noch günstig einen elektronischen Blaswandler mit Saxophongrifftabelle und angepasstem Mundstück. Damit kann ich über Kopfhörer üben und spielen.

Leider komme ich im Jahresverlauf aufgrund der wirren Arbeit viel zu selten dazu, um wieder richtig in Übung zu kommen, aber es war einen Versuch wert.

HomeOffice-Setup Ende August im Pandemie-Jahr

Über die Monate habe ich mein HomeOffice-Setup stetig ausgebaut und verbessert und bin nun besser ausgestattet, als im Büro.

Mehrere Monitore, stabile LAN-Verbindungen, geräuschunterdrückende Kopfhörer und ein großer, freier Schreibtisch.

So haben sich zumindest die Arbeitsbedingungen in kleinem Rahmen verbessert.

Im Verlaufe der Monate steigen und steigen die Zahlen und für den November wird schlussendlich der „Lockdown light“ bekannt gegeben. Die Zahlen steigen natürlich trotzdem unaufhörlich weiter. Die Gesellschaft ist müde von Corona. Zum Einen sind die Maßnahmen viel zu lasch und zum Anderen hält sich eh niemand mehr dran. Es ist einfach nur traurig, wie wochenlang über Glühweinstände diskutiert wird, während tagtäglich immer mehr und mehr Menschen sterben.

Und mit vier Monaten Verspätung hat es die Lufthansa doch tatsächlich geschafft, uns das Geld für den abgesagten Flug zu erstatten. Wow.

Unsere Wohnung fühlt sich wie eine andere Welt an. Eine heile, aber isolierte Welt. Um die gelegentlichen Draußen-Treffen mit Freunden auch in der kalten Jahreszeit aufrecht halten zu können, haben wir uns für den Winter mit Heizdecken eingedeckt. Ist ja doch umweltfreundlicher als die gasgetriebenen Heizpilze, die für ein paar Wochen in der Gastronomie erlaubt waren.

Außerdem habe ich ein neues Spielzeug. einen Raspberry Pi Zero W — einen kleinen ein-Platinen-Computer mit WLAN, mit dem ich ein wenig Rumspielen und mich ablenken kann.

Fortan verfügt unser Heimnetzwerk also über einen eigenen DNS-Server mit DNS-Filter.

Halloween und das Ernte-Dank-Fest können wir, Animal Crossing sei Dank, harmonisch auf der Insel verbringen und dem berühmten Star-Koch bei der Zubereitung seiner Köstlichkeiten helfen und unsere Nachbarn erschrecken:

Iso-Weihnachten aka Festsitztage

Weihnachten macht mich traurig.
Da der „Lockdown light“ seine erhoffte Wirkung verfehlt, hat sich Weihnachten mit der Familie für uns erledigt. Wir feiern stattdessen fröhliche Festsitztage und führen wieder Videocall um Videocall mit Freunden und Familie. Sogar das traditionelle Adventsessen mit unseren Freunden verlegen wir in den digitalen Raum. Das klappt zwar erstaunlich gut und ist auch witzig, aber eben nicht das Gleiche, als würde man im selben Raum sein. Aber nützt ja nichts.

Frohe Festsitztage!

Über Weihnachten haben wir „Urlaub“ und igeln uns weiter Zuhause ein. Es macht auch einfach keinen Unterschied, ob nun Weihnachten ist, oder ein stinknormaler Tag. Alles fühlt sich gleich an.
Klar versuchen wir, das Beste daraus zu machen. Aber das versuchen wir schon das ganze Pandemie-Jahr über.

Wenigstens die Verkündung eines bald erhältlichen Impfstoffes lässt die Laune ein wenig steigen.

Die große Silvester-Festsitz-Sause

Nun ist es also so weit. Silvester. Das Pandemie-Jahr 2020 geht zu Ende.
Was war das nur für ein Jahr? Und wie schwer wiegt doch die Erkenntnis, dass die aktuelle Situation nicht mit dem Ablauf des Jahres vorüber ist.
Noch sitze ich ein paar Tage privat Zuhause, bald schon werde ich wieder beruflich Zuhause sitzen und von Call zu Call hetzen.

Den Silvesterabend haben wir Zuhause verbracht. Lediglich kurz vor Mitternacht haben wir uns noch draußen, mit unseren Heizdecken bewaffnet, mit unseren Freunden getroffen und gemeinsam angestoßen. Wenigstens das. Dass das Böllerverbot nicht 100%ig funktionieren würde, war ja vorher schon klar, aber so konnten wir wenigstens die eine oder andere Silvesterrakete sehen — wo auch immer die her kamen.

Wie geht es nun weiter in 2021?

Erst einmal wird sich ja nicht viel ändern. Wir leben im zweiten bundesweiten Lockdown, der aller Wahrscheinlichkeit nach noch verlängert werden wird. Und ich werde weiter im HomeOffice sitzen.
Seit glatten 300 Tagen sitze ich nun schon Zuhause. Aber immer noch fehlt mir eine entspannte, verlässliche Routine in dieser Zeit. Es bleibt schwer. Jeden Tag.

Während in der ersten Welle die gesellschaftliche Solidarität und der Zusammenhalt groß waren, bröckelt dieses unabdingbare Fundament in der zweiten Welle weg, wie sandiger Zement.
Das macht mir zu schaffen. All diese Egoisten, die ihren persönlichen Spaß über die gesellschaftliche Gesundheit stellen und ich frage mich, wie wohl die nächste Pandemie verlaufen wird.

Da ich es auch auch in diesem Jahr wieder mit Faktoren zu tun habe, die ich nicht selbst beeinflussen kann, mache ich einfach weiter wie bisher. Freiwillige Selbstisolation, Ablenkung mit allem, was ich so finden kann und versuchen eine bestmögliche Arbeit abzuliefern, mit den Ressourcen, die mir zur Verfügung stehen.

Und ganz wichtig dabei: nie die Hoffnung verlieren.
Dank der gewährten Möglichkeiten meines Arbeitgebers und meiner persönlich getroffenen Schutzmaßnahmen ist dieser Haushalt noch Corona-frei. Die gestarteten Corona-Impfungen geben Hoffnung darauf, dass wir zumindest diese Pandemie im Laufe des neuen Jahres überwinden können.

Und wenngleich „danach“ keine große, bundesweite Party ausbrechen wird, sondern wir alle eher noch mehr arbeiten müssen, um die entstandenen Verluste wieder aufzuholen, so keimt in mir doch die leise Hoffnung, dass wir etwas aus der Krise gelernt haben. Was genau, dass weiß ich selbst noch nicht recht.

Vorerst werde ich auch im Januar mein Corona-Tagebuch weiter schreiben und dabei versuchen, eine positivere Sichtweise auf die aktuelle Situation zu entwickeln. Wenn mir das schon nicht im Jahr 2020 gelungen ist, dann vielleicht ja in 2021.

Noch ist offen, ob auch 2021 zum Pandemie-Jahr werden wird. Hoffentlich nicht.

0 0 Bewertungen
Gesamtbewertung

Bei den mit * markierten Links handelt es sich um Affiliate-Links.

Kommentarbenachrichtigungen
Benachrichtige mich bei
0 Kommentare
Inline Feedbacks
View all comments