@Bastianoso

The IDF at a Barcamp

Das Recap eines Barcamps zu schreiben ist nicht sonderlich schwer. In maximal einer Stunde ist eigentlich alles runtergeschrieben und mit hübschen bunten Bildern garniert.

An diesem Artikel schreibe ich schon seit zwei Wochen und bin immer noch unzufrieden damit. Aber aufgrund der aktuellen Geschehnisse in Israel und dem Gazastreifen, veröffentliche ich den Artikel jetzt einfach.

Wir schreiben das Jahr 2012 und es findet das sechste Hamburger Barcamp statt.
Freaks, Geeks und Nerds treffen sich hier alljährlich und tauschen sich über IT-relevante Themen aus. Doch dieses Jahr ist etwas anders. Liron veranstaltet eine Session der anderen Art, die bewegt, schockiert und zu Tränen rührt.

Webdesign beim IDF

Liron ist in Herzliya, Israel geboren, war einige Jahre in den U.S.A. und wohnt und arbeitet inzwischen seit sechs Jahren in Deutschland. Jedem Hamburger Barcamper ist sie bekannt, ist sie doch seit Jahren schon in der Szene aktiv.
Beruflich baut sie augenschmeichlerische Designs fürs Web und erzählt uns in ihrer Session über ihre Arbeit beim israelischen Militär im Bereich Webdesign.

Lirons Webdesign-Session

Liron hält also eine Webdesign-Session.
Genauer gesagt eine autobiografische Webdesign-Session.

Soweit nichts außergewöhnliches, doch der Titel macht stutzig:

My Military Service with the IDF — I was an Israeli soldier, you can ask me almost anything„.

Die Geschichte beginnt ganz ohne Webdesign mit Lirons 18. Geburtstag. Der Zeitpunkt zu dem sie ins israelische Militär einberufen wurde.

Liron erklärt uns ganz grob, wie das israelische Militär organisiert ist.
Dabei erfahren wir, dass alle einberufenen Soldaten und Soldatinnen grundsätzlich nicht in kämpfenden Einheiten eingesetzt werden sondern in den sogenannten „Combat Supportive Units“.
Wer kämpfen möchte muss sich freiwillig melden. Und das tun erstaunlich viele.
Hinzu kommen die Reservisten, die bei Bedarf vom Militär aktiviert werden können. Im Jahre 2000 gab es in Israel etwa 20.000 Reservisten (Anm.: von denen am 16. November, zwei Wochen nach dem Barcamp ganze 16.000 mobilisiert wurden).

Noch wissen wir nicht, was das mit Webdesign zu tun hat doch alle hängen gebannt an Lirons Ohren.

Ich denke ich spreche für die meisten meiner LeserInnen wenn ich sage, dass wir mit dem Nahostkonflikt aufgewachsen sind. Wir kennen es nicht anders. Palästinenser töten Israeli und anders herum.

Auch Liron ist bereits mit dem allgemeinen Bewusstsein aufgewachsen, dass der Konflikt schwelt und es jederzeit Krieg geben kann, doch ist sie als Bürgerin Israels natürlich näher dran als wir.

Lirons Aufgabe im IDF (Israel Defense Forces) ist es zunächst die Berichterstattung westlicher Medien über Israels militärische Operationen zu beobachten und ein Archiv davon anzulegen. Da es ihr bald langweilig wurde acht Stunden am Tag in die Flimmerkiste zu schauen, bat sie um Versetzung und wurde in die Public Relations Abteilung des israelischen Militärs versetzt.

Dort war sie dann dafür zuständig die Webseite des IDF zu modernisieren und stets aktuell zu halten.

Während ihr das Modernisieren noch großen Spaß bereitete, bedeutete die laufende Aktualisierung der Webseite harte Arbeit. Denn es galt jede militärische Operation und jedes militärisch bedeutsame Ereignisse umgehend auf die Webseite zu bringen um nicht nur Bürger, Angehörige und Soldaten selbst zu informieren, sondern auch der Presse Informationen „aus erster Hand“ für die Berichterstattung zur Verfügung zu stellen.

Zu Zeiten der zweiten Intifada hieß das 24/7 Schichtbetrieb für die PR-Abteilung.
Ständig trudelten neue Meldungen über Anschläge und Opferzahlen via Pager bei ihr ein und würde das IDF nicht selbst schnellstmöglich über die Fakten berichten, würden die Medien sich eben etwas zusammenreimen.

So galt es auch mitten in der tiefsten Nacht stets bereit zu sein, die Webseite zu aktualisieren und der Welt wieder einmal mitzuteilen, wieviele „Civilian Casualties“ es gab.

Dass im Jahre 2000/2001 Content-Management-Systeme noch kaum verbreitet waren, brauche ich wohl nicht zu erwähnen und so wurde jede Aktualisierung und der Aufbau eines Nachrichtenarchives per Hand durchgeführt.

Klingt nach einem auslaugenden Bürojob? Mitnichten!

Im Staate Israel gibt es niemanden, der nicht schon eine ihm nahestehende Person durch einen Selbstmordanschlag verloren hätte. Niemanden. Reibt euch das ganz langsam auf der Zunge ein und dann versetzt euch in die Lage von Liron vor zwölf Jahren.

Da wird ein 18-jähriges Mädchen mitten in der Nacht von einem Pager geweckt, der ihr mitteilt, wie viele Personen gerade wo gestorben sind, damit sie es auf eine Webseite schreiben kann.

Lest diesen Blogbeitrag von Liron, den sie am 12. Juni 2002 schrieb. Spätestens dann könnt ihr zumindest verstehen, wie sich das anfühlt.

Auf den Anschlag von dem sie dort berichtet folgten noch weitere und die Al-Aqsa-Intifada gipfelt schließlich in der Stürmung von Yasser Arafats Hauptquartier in Ramallah.

Liron hat durch ihren Wehrdienst verstanden, wie wichtig das israelische Militär ist um das Land gegen jene zu verteidigen, die am liebsten jeden israelischen Bürger in einer Blutlache sehen würden.

Epilog

Gerade heute hat das IDF bekannt gegeben mit Bodentruppen in den Gazastreifen einzurücken (Operation „Pillar of Defense“) und gegen die Hamas vorzugehen. YTD sind über 2.000 Raketen aus dem Gazastreifen in Richtung Israel abgeschossen worden. Letzte Nacht waren es über 420 Raketen, von denen knapp die Hälfte vom Raketenschutzschild „Iron Dome“ abgefangen wurden.

Viele Raketen kommen also durch und versetzen die Bewohner Israels in Angst und Schrecken:

Aktivieren Sie JavaScript um das Video zu sehen.
https://www.youtube.com/watch?v=86FdnMIcS1A

Wer sich weiter über die aktuellen Geschehnisse informieren möchte, sollte mit diesen beiden Twitteraccounts anfangen:

Dieser Artikel ist auch im Buch @Bastianoso — Eine Blog-Zeitreise von 2005 bis 2013 erschienen.

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Basitian, danke für den schönen Beitrag! Nur zwei kleinen Ungenauigkeiten:

1) Ich bin in Herzliya geboren
2) ich bin keine Pazifistin

🙂

@bastian
Danke für den sehr ausführlichen Recap. Da bekommt man richtig Lust auf das Barcamp 2013.

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