Restaurantbesuch mit Gegensätzen

russisch-orthodoxe-kirche

Ich folge der Einladung eines russisch-orthodoxen Chors zur CD-Aufnahme als Gast zu erscheinen und betrete die reich und gülden verzierte Gotteshalle.
Ich begrüße die Anwesenden freundlich mit „Priviet“, russisch für Hallo, blicke jedoch in stumme Gesichter.
Offensichtlich spricht hier niemand russisch.

Der erste Widerspruch des Abends. Nach den Aufnahmen geht es weiter in ein griechisches Restaurant, welches zu meinem Glück sogar von Griechen geführt wird.
Ein russisches Restaurant wäre mir dennoch lieber gewesen.

Am Tisch gegenüber sitzt ein Pärchen. Sie resolut. Er verheult. Sie machen sich gegenseitig Vorwürfe und wir versuche sie nicht weiter zu beachten, damit sie sich nicht beobachtet fühlen.

Es ist spät geworden, da sich die Aufnahme in die Länge gezogen hat und so bestellen wir alkoholfreies Bier. Schließlich ist es unter der Woche und der nächste Arbeitstag steht bereits in den Startlöchern – man kann ihn förmlich lauern hören.

Das Bier kommt, alkoholfrei, wie geordert. Dazu reicht uns der Wirt gratis Ouzo. Den gibt es natürlich nur mit Alkohol.
Der Widerspruch einem Trinker von alkoholfreiem Bier Schnaps zu servieren verwirrt mich; dennoch nippen wir aus Höflichkeit den Ouzo mit dem Wirt.

Die Tür öffnet sich und der allabendliche Rosenverkäufer betritt die Bildfläche; bietet allsogleich dem zerstrittenen Pärchen Blumen an. Man kann die Spannung im Raum greifen. Ganz förmlich.

Der arme Blumenverkäufer, denke ich mir. Bringt er doch jeden Abend dutzende Pärchen in Verlegenheit und sorgt womöglich sogar dafür, dass einer der beiden (natürlich der Mann, wer sonst? Da hilft all die weibliche Emanzipation nicht…) auf dem Sofa nächtigen muss.
Während der Blumenverkäufer noch ein Geschäft wittert, weil er bemerkt hat wie sie ihren Typen anstarrt, fast flehend bricht er, immer noch verheult, fast zusammen. Sein Kopf wird rot, er beisst die Zähne zusammen und drückt ein bestimmendes „Nein danke“ hervor.
Der Blumenverkäufer hört das Verschwiegene zwischen den Zeilen, was etwa so geklungen haben muss wie: „Wenn Du mit Deinen scheiss Blumen nicht gleich verschwunden bist, reisse ich Dich in Stücke!“, und wendet sich dem nächsten Tisch zu.

Doch in diesem Restaurant verkauft er keine einzige Blume.

Unser Essen kommt und wir sind vertieft in unser Gespräch als ich bemerke, wie der verheulte Typ vom Nebentisch wüst gegen die Toilettentür rennt, er peinlich berührt rot anläuft und dann dahinter entschwindet.
Wenige Sekunden später folgt ihm wie auf Engelsfüßen seine Begleitung.
Die Tür schließt sich.

Ich blicke mich um, doch niemand hat es bemerkt.

Minute um Minute verstreicht während ich meiner Gesprächspartnerin lausche und nach einer Weile öffnet sich die vorher so laut geschlossene Tür federleicht und sie tritt heraus. Ihr Kleid verrutscht. An ihrer Hand trottet ihr Partner hinter ihr her. Sie sieht glücklich aus. Er befreit, sorgenlos.
Beide setzen sich, zahlen und verlassen das Restaurant mit einem glücklichen „Danke und auf Wiedersehen!“.

Abgang.

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Dieser Artikel ist auch im Buch @Bastianoso — Eine Blog-Zeitreise von 2005 bis 2013 erschienen.
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