Nawalny zu Besuch

Während unserer freiwilligen Selbstisolation zu Zeiten der Corona-Pandemie hat man ja nicht mehr so viele Reize und Eindrücke, wie im normalen Alltag.

Man trifft keine Freunde mehr, geht nicht mehr in Restaurants und Konzert- oder Theaterbesuche sind auch abgesagt. Filmmäßig haben wir die interessantesten Dinge schon durch und überhaupt: ständig vor dem Fernseher zu hocken macht auch keinen Spaß.

In der Regel vergnügen wir uns mit Animal Crossing oder anderen Computerspielen und versuchen halt so einigermaßen auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Dazu schaut man Nachrichten. Und neben Corona gibt sich das Jahr 2020 ja alle Mühe weitere spannende Themen zu liefern. Eines davon ist der Fall Nawalny.

Wie genau Deutschland da reingerutscht ist, weiß ich gar nicht mehr, irgendwie wurde er mit seiner Nowitschok-Vergiftung nach Deutschland ausgeflogen und hier behandelt.

Jedenfalls hatte ich neulich einen skurrilen Traum, den ich kurzerhand auf Twitter als Thread gepostet hatte und hier noch mal etwas ausführlicher darlegen möchte, weil er einfach so herrlich wirr war.

Da steht Peter Altmaier an der Tür

Es klingelt. Üblicherweise ist’s irgendein Lieferdienst, entweder mit Sachen für uns oder unsere Nachbarn. Wir nehmen in den letzten Monaten ziemlich viele Pakete an, sodass ein Teil des Flurs schon als Paketlager deklariert ist.

Doch vor der Tür steht unser Bundesminister für Wirtschaft und Energie: Peter Altmaier.
Zusammen mit zwei Anzugträgern vom M.I.B. (so sehen sie zumindest aus).

Seine Mund-Nase-Maske trägt er nur über der Nase.

Verwirrt schaue ich ihn an, er holt aus:

Uns ist zu Ohren gekommen, dass Sie und Ihre Frau sich seit März in freiwilliger Selbstisolation befinden und so gut wie gar nicht mehr das Haus verlassen und außerdem auch keinen Kontakt zu anderen Menschen mehr haben.

Daher hätte das Land Deutschland eine sehr vertrauliche Aufgabe für Sie und wir zählen auf Ihre absolute Verschwiegenheit in dieser Sache.

Peter Altmaier, 11. September 2020, in meinem Traum

Ich gucke nun noch verwirrter. Altmaier schaut verunsichert, die beiden M.I.B.-Männer gucken böse und rücken etwas mehr in die Tür.

Wie Sie sicherlich aus den Nachrichten erfahren haben, befindet sich gerade ein russischer Oppositionspolitiker auf deutschem Staatsgebiet.

Bis Gras über die Sache gewachsen ist, würden wir ihn gerne der Öffentlichkeit entziehen, daher teilen wir Ihnen die Aufgabe zu, die Herberge für Alexei Nawalny zu sein. Diese Anordnung gilt bis auf Weiteres, man wird sich bei Ihnen melden.

Sollten Sie etwas benötigen oder verdächtige Aktivitäten in Ihrem Umfeld wahrnehmen, rufen Sie bitte diese Telefonnummer an.

Peter Altmaier, 11. September 2020, in meinem Traum

Einer der beiden Sicherheitsmänner reicht mir einen braunen Umschlag. Ich schiele rein und sehe ein altes Nokia-Handy und eine Visitenkarte auf der nur eine Telefonnummer steht.

Die beiden Anzugträger fassen sich ans Ohr und flüstern Altmaier irgendwas ins Ohr. daraufhin sagt er:

Wir haben leider keine Zeit mehr, bitte kümmern Sie sich gut um ihn. Wir verlassen uns auf Sie.

Peter Altmaier, 11. September 2020, in meinem Traum

Die Drei rücken zur Seite und ein etwas ausgehungert wirkender Alexei Nawalny quetscht sich mit einer kleinen Sporttasche durch die Tür und steht hinter mir.

Peter Altmaier und die beiden Herren nicken uns kurz zu und verschwinden.

Nalwany zieht ein

Verwirrt stehe ich mit dem Umschlag in der Hand vor Nawalny und deute ihm an, ins Wohnzimmer zu gehen. Ich biete ihm ein Wasser an und verschwinde kurz im Arbeitszimmer, um mich im Büro abzumelden. Das wird jetzt sicher einen Moment dauern.

Nawalny spricht weder Englisch noch Deutsch, nur Russisch und so krame ich meine drei Sätze russisch aus, stelle mich vor und heiße ihn willkommen.
Mit improvisierter Gestik versuche ich zu erklären, dass ich noch arbeiten muss und er es sich hier gerne gemütlich machen kann. Ich stelle ihm den Fernseher an und suche in den hunderten Kanälen irgendeinen russischen Fernsehsender raus.

Meine Frau war die ganze Zeit in einem Call und hat davon nichts mitbekommen. Ich gehe ich wieder ins Arbeitszimmer und erkläre ihr, dass dieser Nawalny aus den Nachrichten jetzt bei uns wohnt, dass Altmaier ihn uns vorbeigebracht hat.

Da das Jahr 2020 uns schon so viele seltsamen Dinge beschert hat, stellt sie das Geschehene gar nicht in Frage und nimmt es einfach hin. Wir machen noch unsere restlichen Termine zu ende und im Feierabend richten wir das Wohnzimmer als Schlafplatz ein. Im Keller haben wir noch eine aufblasbare Matratze, die wir anstelle des Sofas platzieren.

Der erste Abend mit Alexei Nawalny

Nawalny ist scheinbar nicht gerade begeistert, bei uns untergekommen zu sein. Er wirkt recht reserviert, ist dezent unfreundlich uns sehr fordernd. Da unsere Vorräte auf zwei Personen ausgerichtet sind, müssen wir beim Essen etwas improvisieren, bekommen aber schlussendlich alle satt. Nawalny sitzt derweil vor dem Fernseher und zappt beständig durch alle zur Verfügung stehenden Kanäle. Das macht uns fast wahnsinnig.

Schweigend essen wir, danach hole ich Whisky und Wein raus und wir versuchen mit ihm etwas ins Gespräch zu kommen. Wir zeigen ihm die Wohnung, stellen ihm unsere Kater Hemingway & Igor vor und zeigen ihm wie er Netflix und so benutzen kann. Dann gehen wir schlafen.

Die ersten paar Tage mit Nawalny

Die ersten Tage sind Zuhause etwas frostig. Nawalny ist sehr fordernd und will bedient werden. Mit allem. Ein Wunder, dass er alleine auf Toilette gehen kann. Tagsüber arbeiten wir, während er auf der Matratze liegt und Fernsehens schaut, Abends bekochen wir ihn.

Aber irgendwann checkt Nawaly wohl, was wir da den ganzen Tag tun. Dass wir beide arbeiten und den ganzen Tag in Calls hängen um irgendwelche Projekte voran zu bringen. Dass wir hier auch nicht freiwillig Zuhause sitzen und ihn uns auch nicht ausgesucht haben.

Nawalny taut auf

Nach ein paar Tagen hören wir es nachmittags in der Küche rumpeln, denken uns aber nichts bei. Außerdem haben wir noch Termine. Abends überrascht uns Nawalny dann mit einem improvisierten russischen Abendessen, welches er sich aus unseren Vorräten zusammengesucht hat. Irgendein Eintopf mit viel Fleisch (wusste gar nicht, dass wir Fleisch zu Hause hätten) — sehr schmackhaft!

Nach dem Essen räumt er ab und spült sogar das Geschirr. Ich wittere eine Chance auf einen gesprächigen Abend und hole noch mal den Schnaps raus. Und tatsächlich kommen wir mit ihm ins Gespräch. So gut es eben geht.

Mit einem Russisch-Wörterbuch und wild gestikulierend können wir das erste Mal so etwas wie ein Gespräch führen und Nawalny stellt sich als ein eigentlich recht netter Zeitgenosse heraus.

Er erzählt viel von Russland, Essen und Kultur und ist sehr interessiert an unserem momentanen Alltag.
Was wir da den ganzen Tag im Arbeitszimmer so machen, wie unser Leben vor Corona war, unsere Hobbies und so. Eine wirklich netter Abend.

Am nächsten Morgen hat Nawalny sogar schon Frühstück gemacht und fortan Kochen wir abends gemeinsam. Danach bringen wir ihm Englisch bei und er uns Russisch.
Deutsch lernen wolle er nicht, weil er ja schließlich nicht so lange hier wäre, als dass es sich lohnen würde.

Fast zwei Wochen sind rum

Alexei Nawalny ist inzwischen fester Bestandteil unserer Pandemie-Gemeinschaft geworden. Sogar Hemingway und Igor haben sich an ihn gewöhnt und der tägliche Austausch mit Nawalny liefert uns viele neue Eindrücke und wirklich äußerst schmackhafte Abendessen. Alexei wünscht sich, dass wir Tontöpfe besorgen, weil das Essen daraus viel besser schmecken würde ich verspreche mich im Internet mal danach umzuschauen.

Während wir tagsüber „im Büro“ sitzen, kümmert sich Nawalny um alles andere. Er nimmt Lieferungen entgegen, putzt die Wohnung und kocht — und das mit steigender Begeisterung. Jeder Abend wird für uns zu einem kleinen Event. Er hat sogar eine ganz annehmbare Spotify-Playlist mit russischer Musik zusammengestellt.

Wieder klingelt es

Wieder klingelt es zu einer lieferdienstunüblichen Zeit an der Tür. Diesmal steht niemand geringeres als Frank-Walter Steinmeier, unser aktueller Bundespräsident, vor der Tür.

Dieses Mal ohne die beiden vom M.I.B. (allerdings auch ohne Maske).

Er sei gekommen, um Nawalny abzuholen. Unsere Aufgabe sei abgeschlossen:

Ich bedanke mich recht herzlich dafür, dass Sie sich so gut um Alexei Nawalny gekümmert haben. Wir konnten über das Telefon alles mitverfolgen.

Jetzt ist es jedoch an der Zeit, dass Herr Nawanly zurück nach Russland geht. Der Wahlkampf geht dort bald los und er wird dort gebraucht.

Nawalny packt schell seine Tasche und so unerwartet, wie er bei uns in der Wohnung stand, ist er auch schon wieder weg. Im Weggehen rief er uns noch durch den Hausflur zu, dass er sich melden würde und uns dankt.

Zurück bleiben eine aufblasbare Matratze im Wohnzimmer, Erinnerungen an tolle Gespräche und leckeres Essen und: eine offene Amazon-Bestellung für drei Tontöpfe.


Tja, das war eine grobe Abschrift meines wirren Traums vom Besuch von Alexei Nawalny, Peter Altmaier und Frank-Walter Steinmeier. Wenngleich ich oft irgendwas Wirres träume, ist mir dieser Traum doch in Erinnerung geblieben und als ich am Abend noch ein Foto von ihm in der Tagesschau gesehen habe, hatte ich mich wieder daran erinnert. Erstaunlich, was sich ein unterfordertes Gehirn des Nachts so alles ausdenken kann, um eine Show zu veranstalten.

Man, bin ich froh, wenn wir wieder ins Theater gehen können und mein Hirn sich seine Inspirationen für Träume nicht mehr aus den Nachrichten zusammenschneiden muss.

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