@Bastianoso

I hob mi verfahrn

Wie gut, dass ich mit dem Bus im ÖPNV unterwegs war, sonst würde ich glatt noch S-Bahn-Philosophie Konkurrenz machen!
Doch von Beginn an; ich fang vorn an: ich saß zusammen mit ein paar anderen potentiellen Fahrgästen an der Bushaltestelle und wir warteten auf unseren Bus.
Er kam pünktlich, sogar noch kurz vor neun, sodass niemand seine Fahrkarten vorzeigen musste und wir flott in Fahrt kamen.
Der Busfahrer war sehr nett, begrüßte jeden Fahrgast und sprach fließend bayerisch. Zuletzt stieg ein geschwätziger Hanseat im Ruhestand ein und platzierte sich günstig um den ganzen Bus zu unterhalten – ich schwieg und starrte aus dem Fenster.

Der Alltagstrott zog an den Scheiben vorbei, man sah, wie es langsam dunkel wurde und ich versank in ein paar Gedanken zu morgigen Themen. An der darauffolgenden Haltestelle stieg ein: ein Farbeimer! Dran hing ein kleines Mädchen, mit viel zu großem Schirm, zu langen Hosen und einer großen weißen Malerjacke, die bunt bekleckst war. Freudig schritt sie entschlossen auf mich zu, lachte mich an und…einen Moment lang befürchtete ich, sie wolle mir den Farbeimer über den Kopf gießen, so viel Schwung hatte sie (in Sekundenbruchteilen ging mir noch der Gedanke durch den Kopf, welche Farbe es wohl ist und ob sie mir stehen würde…)…doch sie wuchtete den Eimer auf den Sitz neben mir und setzte sich dazu.

Der Bus nahm wieder Fahrt auf und ich döste wieder dahin als ich plötzlich ein zweites Mal aus dem Trott kam: der Bus bog links ab, statt wie gewohnt geradeaus zu fahren! Was war da los?

Der aufmerksame Hanseat legte sofort lautstarken Protest ein, „der Busfahrer hätte doch ganz anders fahren müssen!“ und stürmte nach vorn.
Der Busfahrer konterte resolut, er böge dann die nächste wieder ab und schon sei alles „guad“.
Doch leider erwiesen sich die Straßen des Wohngebiets als nicht ausreichend, um sie mit einem Gelenkbus zu befahren. Die schlechte Parkplatzsituation und einige Einbahnstraßen und Sackgassen taten ihr übriges zu unserer Route, sodass wir noch einige Zeit still schweigend durch die Wohnstraßen fuhren bis – ja bis der Busfahrer ganz leise, ja kaum hörbar, ein geseufztes „…I hob mi verfahrn…“ von sich gab. Das Farbenmädchen und ich mussten uns arg zusammenreißen, um nicht lsozulachen und grinsten und an.

Der Hanseat bewies sein Feingefühl und Verständnis ob des eingewanderten Bayern und gab ihm dezente Richtungsangaben, um uns wieder auf Kurs zu bringen. Gefühlte 20 Minuten später (ich wagte es nicht genau nachzusehen) befanden wir uns wieder auf der richtigen Route. Wir hatten nur ein paar Stationen verpasst und glücklicherweise wollte dort auch niemand aussteigen – ein paar Gestalten ließ der Busfahrer an der Ecke raus und wir fuhren weiter, als sei nichts gewesen.
Sogar das bunte Farbenmädchen stieg aus und übrig blieb das übliche Grau-in-Grau einer abendlichen HVV-Busfahrt.
Eine handvoll alltäglicher Stationen später stieg auch ich aus und ging meiner Wege…

Und weil ich die Geschichte nun nicht einfach so enden lassen möchte, erwähne ich noch am Rande meinen kurzen Fußweg von der meinigen Bushhaltestelle bis zur selbigen Haustür: ich war fast angekommen und bog in den letzten Gang ein, als ich einen Trubel vor der Haustür bemerkte.
Etwa fünf Gestalten trollten sich vor der Tür herum und als ich einen Mann auf dem Boden liegen sah, kamen mir die Erinnerungen an „Feuer in Hamburg„, „Kriminalgeschichten aus Hamburg“ und „bewaffnete Passantenkontrolle“ in den Kopf.

Es stellte sich schnell heraus, dass der benommene Herr ein alter Bekannter ist. Tagtäglich sitzt er beim kleinen Laden hier an der Ecke auf der klapprigen Bank mit ein paar anderen und schwätzt mit den Leuten. Klar, er kippt sich im Laufe des Tages auch ordentlich was hinter die Binde und torkelt dann gelegentlich zum Wasser lassen in die Büsche. Aber er gehört ins Stadtteilbild. Obdachlos ist er nicht, er wohnt hier irgendwo. Steht morgens pünktlich auf und ist spätestens um neun Uhr am Start. Gegen 22:00 Uhr dann, macht er „Feierabend“ und schwankt nach Hause.

Heute schwankte er zu sehr und knallte auf den sommerlichen Asphalt.
Ein paar Jungs haben ihn dann aufgesammelt und von der Straße geschafft – dann ist er noch ein paar mal hingefallen und der Krankenwagen wurde verständigt. Dann trat ich auf die Bühne.

Krankenwagen verfährt sich in Hamburg

Da er sowieso meine Tür blockierte, entschloss ich mich zu warten und kurze Zeit später sahen wir, wie der Krankenwagen näher kam und sich schlagartig entfernte – er bog links ab…was er nicht solllte.

Ich lief hinterher und verteilte bei dieser Gelegenheit, ich dachte wohl es würde zum Tag passen, meinen Tascheninhalt über die ganze Straße – aber egal, schließlich war es jetzt erstmal wichtig den Krankenwagen wieder ranzuschaffen.

Irgendwo im nahegelegenen Park lungerten die Jungs dann auch rum und suchten den Hauseingang.
Ich lotste sie zum richtigen Eingang in der richtigen Straße und ein paar oberflächliche Untersuchungen und viel Palaver später haben sie ihn dann mit ins Krankenhaus genommen.

Ich unterdess begab mich auf die Suche nach meinem Tascheninhalt, den ich irgendwo zwischen Haustür und Park verlor.
Und wen traf ich da?
Den zuverlässigen Hanseaten! Er tat nach der anstrengenden Busfahrt einen Spaziergang durch den Park und ich begegnete ihm gerade, als er dabei war zu testen, ob ihm meine Kopfhörer, die er auf der Straße gefunden hatte, passen würden.
Sie passten ihm glücklicherweise nicht, und so bekam ich sie gleich wieder 🙂

Der Hanseat hat heute also mindestens schon zwei gute Taten vollbracht – Respekt!
Ich für meinen Teil gehe jetzt ins Bett, das war genug für heute.
Gute Nacht!

Dieser Artikel ist auch im Buch @Bastianoso — Eine Blog-Zeitreise von 2005 bis 2013 erschienen.

Hinterlasse einen Kommentar

  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei
iPhone OS X Microsoft Wirtschaft Fotos Deutschland Abschlussprüfung Silvester Konzert Sommer URL Computer Altona Webserver Kino Netzwerk Weihnachten BarCamp C++ Buchhaltung Internet Organisation Netzwerktechnik Datenschutz Facebook Laufen Datenbanken Kredite projekt52 Hamburg Gesellschaft Sport Mac OS X Einkaufen Tipps & Tricks IST-Analyse Redirect Film Fernsehen Ernährung Werbung Party Alkohol Projektmanagement web 2.0 Programmieren iOS twitter Videos Restaurant IKEA Sicherheit Bilanz Datenübertragung Kater Apple Terminal Sibirische Katze Weiterleitung Inventur Musik Fahrrad E-Mail Windows Ausbildung

Hinweise zum Artikel