Hamburger Tage der Freiheit

Ich habe mal ein bisschen rumgesponnen.
Zwar befinden wir uns gerade am Anfang der vierten Welle und es wird wohl alles noch ein bisschen dauern. Bei steigenden Impfquoten und nachlassender Skepsis bzgl. der Impfung, ist aber wohl damit zu rechnen, dass ein Ende der Pandemie schon bald in Sicht sein wird.
Die aktuellen Maßnahmen legen jedenfalls kein sonderlich großes Augenmerk mehr auf Lockdowns oder weitere Verschärfungen und ich würde es sehr schade finden, wenn wir die Pandemie, die unser Leben in den letzten eineinhalb Jahre maßgeblich beeinflusst und dabei hauptsächlich eingeschränkt hat, einfach so „ausschleichen“ würden. Peu á peu werden die Maßnahmen zurückgenommen und ganz allmählich wird alles wieder „normal“ — was auch immer das sein mag.

Soll es das schon gewesen sein?
Folgend das fiktive Protokoll der letzten Pressekonferenz des Hamburger Senats zur aktuellen Corona-Lage:

Protokoll der Pressekonferenz der 104. dienstäglichen Senatssitzung während der Corona-Pandemie

12:30 Uhr

Die Pressekonferenz im Hamburger Rathaus zur aktuellen Corona-Lage startet.
Außer Hamburgs erstem Bürgermeister Peter Tschentscher und der zweiten Bürgermeisterin Katharina Fegebank ist niemand im Saal.
Frau Fegebank verliest die aktuelle Statistik:

„Seit gestern zählen wir für Hamburg seit nunmehr 14 Tagen keine weiteren Corona-Neuinfektionen. Die verbleibenden 15 Patient:innen, die in Krankenhäusern behandelt werden mussten, wurde heute vormittag als genesen entlassen. Die Situation auf den Intensivstationen liegt unverändert bei null Patient:innen.

Somit ergibt sich eine aktuelle Inzidenz in der Stadt Hamburg von null.

Sofern es dazu keine weiteren Fragen seitens der Presse gibt, wovon ich ausgehe, übergebe ich an Hamburgs ersten Bürgermeister Peter Tschentscher, der gerne noch ein paar Worte an die Hamburger:innen richten möchte.“

12:35 Uhr

Peter Tschentscher blickt schweigend und mit ernster Miene in die Kamera.
Sein Blick schweift durch die Reihen der Presse.
Er ordnet seine Zettel und beginnt:

„Sehr geehrte Vertreter:innen der Presse, liebe Hamburger:innen,

schwere und belastende Monate liegen hinter uns. Wir alle haben in den vergangenen Monaten wieder und wieder zurückstecken müssen.
Meine Dankbarkeit gilt Ihnen allen.

Selbstverständlich jenen, welche an vorderster Front für uns alle gekämpft haben.
Auf den Intensivstationen dieser Stadt, in den Pflegeheimen, bei Polizei und Feuerwehr, den Rettungsdiensten. Ebenso all jenen, die Teil der systemrelevanten Berufe sind und es bis zur Pandemie nicht einmal wussten. Die Mitarbeiter:innen in Supermärkten, Kindertagesstätten, Schulen, Friseure, Lkw-Fahrer:innen und alle, die diese Stadt, ja das ganze Land am Laufen gehalten haben.
Aber meine Dankbarkeit gilt auch allen Hamburger:innen, die so viel Verständnis für die teilweise unlogischen und inkonsequenten Maßnahmen aufgebracht haben. Sie alle haben den Sinn dahinter erkannt und dabei geholfen die Pandemie nicht nur unter Kontrolle zu bringen, sondern sie zum erliegen zu bringen.

Heute blicken wir zurück auf eine lange, viel zu lange Zeit der Entbehrungen jedweder Art.
Zwangsläufig vernachlässigte soziale Beziehungen, Freundschaften. Familien wurden voneinander getrennt, Kindern ein sorgloses Aufwachsen verwehrt. Restaurants, Bars, Konzerte und Theater — all das war nicht möglich. Doch diese Entbehrungen waren ein notwendiges Übel, um den Kampf gegen das Virus zu gewinnen. Und wir haben gewonnen.

Nach vielen vielen Monaten, in denen ich Sie regelmäßig über die aktuellen Infektionszahlen, Inzidenzen und Maßnahmen informiert habe, habe ich heute eine letzte, große Aufgabe in dieser Pandemie.

Als Bürgermeister von Hamburg sehe ich es als meine Pflicht an, die Bevölkerung bestmöglich vor Unheil zu bewahren. Dieser Teil liegt nun hinter uns.
Es ist aber ebenso auch meine Pflicht, die Interessen der Bevölkerung zu vertreten und die Stadt bestmöglich weiterzuentwickeln. Wirtschaftlich, wie auch sozial.

Daher ist es mir heute eine besondere Freude die folgenden Ankündigungen vorzunehmen.“

12:50 Uhr

Herr Tschentscher legt seine Zettel beiseite und kramt unter dem Tisch.
Er holt eine Holzschatulle hervor und stellt sie rechts neben sich.
Er kramt erneut in seiner Tasche und stellt mehrere Ordner auf seine linke Seite, öffnet die Schatulle und nimmt zusammengefaltete Zettel heraus, entfaltet sie und spricht erneut:

„Mit sofortiger Wirkung werden alle bestehenden Rechtsverordnungen zur Eindämmung des Coronavirus, insbesondere die Verordnung zur Eindämmung der Ausbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 in der Freien und Hansestadt Hamburg (Hamburgische SARS-CoV-2-Eindämmungsverordnung – HmbSARS-CoV-2-EindämmungsVO) aufgehoben.“

[lange Pause, im Hintergrund Gemurmel der Pressevertreter:innen, zahlreiche Wortmeldungen werden aufgenommen]

„Ich bitte Sie noch um einen Moment Geduld, ich bin noch nicht fertig.“

[der Saal verstummt]

„Darüber hinaus, ich sagte es eingangs, sehe ich es als meine Pflicht als Bürgermeister von Hamburg an, meine Dankbarkeit nicht nur über Worte, sondern auch über Taten Ausdruck zu verleihen.

Während in der Pandemie alle Hamburger:innen die Politik dieses Landes tatkräftig unterstützt haben — und ich bin überzeugt davon, dass es ein jeder nach bestem Wissen und Gewissen getan hat — so möchte die Stadt Hamburg Ihnen allen nun etwas zurückgeben.

Niemals werden wir die durch die Pandemie verlorene Zeit wieder aufholen oder gar zurückerhalten können und das ist auch nicht mein Ansinnen. Aber wir alle, und ich meine wirklich alle, haben uns nach dieser belastenden Zeit eine Pause verdient. Unbesorgt durchatmen können, die Freiheit, die fest im Namen der Freien und Hansestadt Hamburg verankert ist, wieder spüren. Das Leben spüren und mit allen Sinnen erfahren.

Daher haben wir uns zusammen mit dem Hamburger Senat dazu entschieden, einmalig und beginnend mit dem heutigen Tag geltend bis zum Wochenende einen dreitägigen Feiertag auszurufen.

In den folgenden Tagen sollen alle Hamburger:innen die Möglichkeit bekommen, wenigstens einen Teil der Entbehrungen wieder aufholen zu können und ich freue mich die Ehre zu haben, diese Hamburger Tage der Freiheit nun, der Situation der vergangenen Monate entsprechend, einzuläuten“

13:15 Uhr

Herr Tschentscher greift, den Blick starr und mit verschmitztem Ernst auf die Kamera gerichtet, in die Holzschatulle zu seiner Rechten und stellt eine Handsirene auf das Rednerpult.
Er kurbelt und eine Sirene ertönt, das Licht im Saal verdunkelt sich und Scheinwerfer blinken auf, richten sich auf den Saaleingang.
Die Tür öffnet sich, Jan Delay betritt den Saal. Bässe erschüttern das Rathaus: Ahnma!

Die Hamburger Tage der Freiheit beginnen

Zeitgleich erhalten alle Hamburger:innen über das neu ausgerollte „Cell Broadcast“ die Information, sich am Rathaus für eine stadtweite Feier, die Hamburger Tage der Freiheit, einzufinden. Von überall her fahren offene Lkw in die Stadt, die synchron den Musikstream aus dem Rathaus über Lautsprecher und Leinwände übertragen.

Peter Tschentscher reißt sich seinen Anzug vom Körper und trägt darunter einen Glitzeranzug, setzt sich die Sonnenbrille auf und aktiviert die Nebelmaschinen, die unter den Senatstischen angebracht wurden.
Katharina Fegebank trägt unter ihrem Kleid ein Abendkleid und tanzt zusammen mit der Presse auf dem Parkett. Auf dem Rathausmarkt, auf den das Konzert live übertragen wird, öffnen Getränkestände und verteilen Drinks an die Passanten.

Über den Tag verteilt treffen immer mehr Menschen in der Innenstadt ein. Die Lkw haben strategisch Stellung in der gesamten Stadt bezogen, sodass die Musik überall zu hören ist. Der Verkehr ist größtenteils zum Erliegen gekommen und die Menschen feiern auf den Straßen. Büros schließen, Bars öffnen und versorgen die Feiernden mit gekühlten Getränken und Snacks.

An vielen Stellen in der Stadt verteilt stehen allerlei Stände, die man sonst nur auf dem Weihnachtsmarkt oder dem Hamburger Dom sieht, und bieten Getränke und Essen aller Couleur an.

Das von Jan Delay eröffnete Konzert wird von weiteren Hamburger Musiker:innen und Künstler:innen ergänzt. Udo Lindenberg, Gzuz, 50:50, Rolf Zuckowski, Jona Wendt, Deichkind, Bonez MC, Lotto King Karl, Samy Deluxe, Dendemann und viele weitere Künstler:innen treten auf, feiern zusammen mit allen die Hamburger Tage der Freiheit.

Die am Dienstag-Nachmittag gestartete Feier zieht sich bis um acht Uhr morgens am Mittwoch hin und die folgenden Hamburger Tage der Freiheit haben alle Menschen in Hamburg anteilig frei, treffen sich auf den Straßen oder privat, besuchen Freunde und Familie.

In diesen drei Tagen erhalten alle die Möglichkeit, zumindest einen Teil der verlorenen Zeit wieder aufzuholen und die sozialen Batterien aufzuladen. Es wird gefeiert, geschnackt und alle Menschen sind auf den Beinen, um sich wieder zu treffen.

Die Zeit nach Corona

Am darauffolgenden Montag kehrt so langsam wieder Normalität in die Tage der Hamburger ein.
Es wird gependelt und gearbeitet. Mittags sitzt man in kleinen Restaurants und trifft Abends Freunde und Familie. Konzerte, Theater und Kinos haben geöffnet und das Veranstaltungsleben blüht geradezu auf.

Und ganz langsam wird es wieder unvorstellbar, dass man sich nicht mit mehr als zehn Menschen treffen durfte und überall Maskenpflicht vorherrschte.

Nachtrag zum Artikel:
Kurz nach Veröffentlichung dieses Artikels bin ich im linearen Fernsehen über diesen Werbespot gestolpert, der das Thema der „Hamburger Tage der Freiheit“ ebenfalls aufgreift, dabei jedoch für Kaugummi Werbung macht:

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