Die utopische Dystopie

Momentan leben wir in einer Pandemie und gerade habe ich Urlaub. Urlaub, in dem ich jedoch nicht wegfahren kann, weil die Welt da draußen, vor der Wohnungstür, hochgradig infektiös ist und ich riskiere, bei einem Urlaubsversuch draufzugehen. Das möchte man natürlich vermeiden und so hocke ich seit Monaten Zuhause und versuche mich irgendwie halbwegs sinnvoll zu beschäftigen.

In meinen Corona-Tagebüchern habe ich ja schon zu Genüge dargelegt, was ich so den lieben langen Tag treibe und darum soll es in diesem Artikel auch gar nicht gehen. Heute Abend, vor dem Schlafengehen beim zappen durch das nächtliche Fernsehprogramm, sind wir beim NDR bei einer Dokumentation über Sun City in Arizona hängen geblieben — „Gestorben wird morgen“.
Und irgendwie fällt mir da schwer, den Unterschied zwischen Utopie oder Dystopie auszumachen.

Sun City, Arizona

Sun City wurde 1960 in der Wüste von Arizona „eröffnet“ und ist eine Stadt für Senioren ab 55 Jahren.
Ursprünglich gab es dort fünf verschiedene Haus-Modelle, einen Golfplatz, ein Shopping-Center, und ein Freizeit-Center — und natürlich auch Ärzte und Apotheken (siehe die Webseite der Stadt).

Man zieht dort hin, um seinen Lebensabend nett zu verbringen. Es gibt allerlei Freizeitaktivitäten und fast die gesamte Stadt basiert auf den Leistungen und der Arbeit von Freiwilligen. Die Menschen, die dort wohnen, übernehmen freiwillige Dienste und beaufsichtigen die Werkstätten, veranstalten Töpferkurse, leiten Sportkurste (Baseball, Golf, Aqua-Aerobic, Tanzkurse, etc.), unterrichten Sprachen oder geben Computerkurse. Selbst die Polizei basiert auf Freiwilligen. Es ist ein friedliches, hilfsbereites „Dorf“ voll mit netten Menschen, die eine schöne Zeit haben wollen. Fast wie Las Vegas, nur ohne den Kommerz.

Das Wetter ist immer formidabel und wenn mal jemand Sorgen hat, sind immer gleichgesinnte „Freunde“ zur Stelle, die einem mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Utopie oder Dystopie?

Der Dokumentarfilm ist sehr neutral gehalten. Er bewertet nicht. Zeigt ungefärbt die Realität in Sun City — mit fast allen Facetten. Menschen, die Golf spielen, sich ihre Urnen töpfern oder ein Theaterstück einstudieren.
Die Tage bestehen daraus, sich eine nette Beschäftigung für den Tag zu suchen und ihr nachzugehen oder selbst etwas anzubieten. Sollte mal ein dezenter Bewohner entfleuchen, so wird er von den freiwilligen Hilfs-Sherrifs per GPS-Ortung wieder eingesammelt und nach Hause begleitet. Niemand geht verloren — also, außer die, die wegsterben. „Gestorben wird morgen“, so der Titel der Dokumentation, trifft des Pudels Kern eigentlich ganz gut.

Es ist wirklich eine schöne, friedliche Welt. Fast schon zu schön, um wahr zu sein. Doch Sun City existiert tatsächlich und in meinem Kopf spannen sich diverse Parallelen zu anderen uptoschen, aber auch dystopischen Erscheinungen.

Wall-E

Da wäre zum Einen der Disneyfilm Wall-E, in dem ein kleiner rostiger Roboter auf der von den Menschen verwüsteten Erde zurückgelassen wird, während der Rest der Menschheit in einem Raumschiff durchs All kreist, wartend auf die Nachricht, dass die Erde jetzt wieder bewohnbar ist und sie zurückkehren können.

Um ihnen die Zeit im All zu angenehm wie möglich zu machen, ist das Raumschiff wie ein Kreuzfahrtschiff ausgestattet — nur eben etwas futuristisch. Man braucht sich nicht zu bewegen, es gibt Nahrung und Unterhaltung im Überfluss, sodass niemand auf die Idee kommt nachzudenken.

Utopie oder Dystopie?

Ich möchte an dieser Stelle nicht die Kernhandlung des Films spoilern, aber ganz so utopisch ist es am Ende dann eben doch nicht.

The Walking Dead

Und dann gibt es noch die Serie „The Walking Dead„, bei der Zombies über die Erde wandeln.
Auch hier versuche ich ein Spoilern zu vermeiden. Im Grunde wiederholt sich die Handlung auch mit jeder Staffel, nur mit anderen Settings und teilweise anderen Haupt-Charakteren. In einer Staffel findet die umherziehende Gruppe eine verlassene Selbstversorger-Modellstadt. Nett umzäunt, mit Wasseraufbereitungsanlage und Solarpaneelen. Dort lassen sie sich nieder, bauen Nahrung an, backen Kuchen, die Kinder spielen — während Draußen Horden von Zombies marodierend durch das Land ziehen.

Utopie oder Dystopie?

Im Kleinen weist diese Staffel utopische Züge auf, doch ist im Hintergrund natürlich allen bewusst, dass diese heile Welt nur eine Scheinwelt ist und schon morgen in Flammen aufgehen kann.

Die Corona-Pandemie

Und was hat das jetzt alles mit Corona zu tun?
Nun, momentan ähnelt die Welt mehr einer Dystopie. Wir befinden uns fernab unserer gewohnten Normalität.
Jedweder Kontakt zu anderen Menschen stellt ein unabwägbares Risiko dar — war der Abstand groß genug? Wehte genug Wind? Sitzt meine Maske richtig?
Restaurants haben geschlossen, Kultureinrichtungen ebenfalls. Guten Gewissens kann man auch nicht mehr in den Urlaub fahren. Dafür kann man sich im HomeOffice von Videocall zu Videocall hangeln und danach auf dem Sofa versauern und sich nächtliche Dokumentationen im Fernsehen anschauen.

Die halbe Welt hockt Zuhause, backt Brot, kocht jeden Tag und holt sich allabendlich mit den Nachrichten die aktuelle Lage der Welt ins Wohnzimmer.
Und irgendwie fiel mir beim Schauen der Dokumentation über Sun City eine Diskrepanz auf.
Denn eigentlich sind wir, wie die Rentner in Sun City, weggesperrt. Nur vergaß man bei uns Brot & Spiele, weshalb wir selbst angefangen haben, Brot zu backen und Computerspiele zu spielen (oder Brettspiele oder Puzzle oder was auch immer Du so tust, um die Zeit totzuschlagen).

Ein bisschen mehr Utopie täte uns ganz gut

Wäre diese Pandemie für uns alle nicht viel leichter zu ertragen, wenn die Welt mehr wäre wie Sun City?
Nette, belanglose Beschäftigungen, deren Ergebnisse im Sand der Zeit dahinfließen, wie Wasser einen Bach ins weite Meer läuft.

Utopie oder Dystopie?
Die Rentner in Sun City studieren mühevoll komplizierte Theaterstücke ein und führen sie ihren Mitbewohnern vor, die sich am darauffolgenden Tag wahrscheinlich schon nicht mehr daran erinnern können.
Und wir?
Wir sitzen Zuhause vor unseren Computerbildschirmen und wohnen „virtuellen Weinverkostungen“ bei, bei denen irgendwo in Hamburg Menschen sitzen, die ihre Entertainment-Energie in eine Kameralinse entladen und hoffen, dass irgendwo am anderen Ende der Leitung jemand sitzt, der ihnen inhaltlich noch folgen kann (und nicht den gesamten Wein schon intus hat).
Oder wir sitzen alleine Zuhause und lösen fiktive Kriminalfälle, die sich irgendjemand ausgedacht hat, um einen weiteren Abend rumzubekommen und bloß nicht nachdenklich zu werden.
Nachdenklich darüber, was hier gerade alles falsch läuft. Die halbgaren und, was eigentlich noch schlimmer ist, herzlosen Entscheidungen der Politik, wirre Maßnahmenregelungen, die sich alle paar Wochen ändern und sich nicht nur von Bundesland zu Bundesland, sondern teilweise von Hausnummer zu Hausnummer unterscheiden. Das kann es doch nicht sein? Soll so unser Leben aussehen?
Sollte es in der heutigen Zeit nicht bessere Möglichkeiten geben, mit einer Pandemie umzugehen? Ja, ich weiß, es ist für so ziemlich alle aktuell lebenden Menschen die erste Pandemie. Aber dennoch ist nun bereits über ein Jahr verstrichen und gefühlt treten wir fortschrittslos auf der Stelle.

Nicht einmal die Illusion einer Utopie vermag man uns zu vermitteln.

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