Der Kampf gegen …was eigentlich?

Was versuchen wir hier in Deutschland eigentlich zu erreichen?

Versuchen wir eigentlich noch, die Pandemie in den Griff zu bekommen und wenn ja, wie ist „in den Griff bekommen“ überhaupt definiert?
Im Vergleich mit anderen Ländern bekomme ich so allmählich den Eindruck, dass das oberste Ziel nicht ist, die Pandemie einem Ende zuzuführen, sondern dass das oberste Ziel in Deutschland eigentlich nur ist, den andauernden Lockdown endlich zu beenden.

Kaum weisen (viel zu spät) beschlossene Maßnahmen eine gewisse Wirksamkeit auf, sprießen an jeder Ecke die Forderungen nach Lockerungen, um den Menschen endlich wieder ihre „Freiheiten“ zurückzugeben.
Und meist werden diese Stimmen auch noch erhört die Maßnahmen werden peu á peu wieder eingestellt.

Deutschland wird Meister in der Bekämpfung von Lockdowns

Der viel gezogene Vergleich von der Feuerwehr, die anrückt, um ein Feuer zu löschen und nach ein paar Spritzern mit Wasser die Löscharbeiten einstellt, weil das Feuer ja schon zurückgegangen ist, ist ausgelutscht, aber dennoch leider irgendwie sehr passend für die aktuelle Situation.

Und diese „aktuelle Situation“ läuft nun schon ein Jahr lang.

Klar, darf man Fehler machen. Ist ja unser aller erste Pandemie. Kein Ding. Bin da auch nicht nachtragend. Aber diese permanent zur Schau getragene Lernresistenz erfüllt mich schon mit Verwunderung.
Verwunderung über diese stringente Ignoranz gegenüber Verbesserungen.
Umso erfrischender überraschte mich da der Erste Bürgermeister von Hamburg, Peter Tschentscher, der in einer Pressekonferenz zur Corona-Lage in der Hansestadt sagte, dass die von Hamburg im bundesuneinheitlichen Alleingang verhängten Ausgangssperren wirken, das sehe man an den Zahlen zum Infektionsgeschehen, und man die Maßnahmen deshalb [dramatische Pause einfügen] verlängern würde. Verlängern!
Hey, da funktioniert etwas, also machen wir weiter damit! Was für einr revolutionärer Gedankengang!

Wenig später folgte die bundesuneinheitliche Bundesnotbremse und seit dem gehen Stück für Stück, auch deutschlandweit, die Zahlen der täglichen Neuinfektionen leicht zurück.
Ich bin kein großer Fan von Ausgangssperren und glaube auch nicht, dass diese direkt wirken. Denn Berichte über massenhafte Ansteckungen bei nächtlichen Zusammenkünften im Freien von hunderten Menschen gab es nicht. Und private Treffen waren ja eh schon zum Großteil verboten oder zumindest sehr stark eingeschränkt.
In Hamburg beispielsweise darf ein Haushalt nur eine haushaltsfremde Person treffen. Da braucht es eigentlich keine Ausgangssperren. Aber wenn diejenigen, die die Regeln vorher nicht eingehalten haben, sie nun einhalten, nur weil es eine Ausgangssperre gibt, dann bitte, dann gehe ich da mit.

Aber die Intensivstationen …

Wie alle anderen Maßnahmen auch, ist auch die Bundesnotbremse an den Sieben-Tage-Inzidenzwert gekoppelt und was liegt da näher, als andere Kennzahlen zu fordern, anstelle der unspezifischen Inzidenz?
Beispielsweise sind ja die Intensivstationen noch gar nicht überlastet. Da geht doch noch was!
Ja, das wird ja tatsächlich gefordert, man glaubt es kaum. Wenn da noch ein freies – ergo ungenutztes – Intensivbett herumsteht, dann kann da ja noch eine weitere Person schwer an COVID-19 erkranken und es auslasten. Das ist doch wohl das Mindeste, was man tun kann, um anderen Menschen zu ermöglichen, neue Klamotten zu shoppen. Oder etwa nicht?

Während andere Länder wesentlich striktere Maßnahmen konsequent umsetzen und die Anzahl der Neuinfektionen auf ein Niveau drücken, bei dem es den Gesundheitsämtern tatsächlich noch möglich ist, Infektionsketten nachzuverfolgen und diese zu unterbrechen, eiert Deutschland von halbherzigem Lockdown zu halbherzigem Lockdown.
Ja nicht zu viele Einschränkungen verhängen, immer schön an der Grenze der Belastbarkeit des Gesundheitssystem entlanghangeln, bis die Pandemie irgendwie von selbst endet.

Während in Neuseeland, Australien und anderen Ländern schon längst wieder Großveranstaltunge stattfinden – und das sogar ohne Maskenpflicht oder Abstandsregelungen – bleibt dieser Gedanke für uns erst einmal Utopie.
Lieber eiern wir noch ein paar Monate um die 100er Inzidenz herum und irgendwann werden schon genug Leute geimpft sein und dann wird von ganz alleine alles gut.
Ja, die Impfungen sind eine tolle Sache, ich bin jedoch der Meinung, dass wir schon längst viel weiter hätten sein können, wenn man im Herbst letzten Jahres konsequent gehandelt hätte. Wir hätten einfach nur auf das Gros der Virologen und Epidemiologen hören müssen und anstelle des unsäglich halbherzigen und kaum spürbaren Lockdown light konsequente Maßnahmen umsetzen müssen. Dann wären wir womöglich sogar um die dritte Welle herumgekommen.

Ehrlich gesagt, habe ich den Wechsel von der zweiten in die dritte Welle überhaupt nicht mitbekommen.

Anstatt die Möglichkeiten, die Pandemie zu beenden, zu nutzen und sich an den Best Practices aus anderen Ländern zu orientieren, werden in Talkshows allabendlich Gründe rauf und runter diskutiert, wieso das alles in Deutschland gar nicht funktionieren kann.
Aber die Wirtschaft! Deutschland ist keine Insel! Deutschland ist ein Binnenland! Deutschland ist ein Exportland!

Derweil zeigen andere Flächenstaaten, andere Exportländer, andere Binnenländer, dass es wohl funktioniert.
Und ist unser Wirtschaft mit den dauerhaft wechselnden, uneinheitlichen Einschränkungen denn wirklich geholfen? Oder wäre es für die Wirtschaft nicht vielleicht auch toll, wenn wir schon längst alles wieder hätten öffnen können und vielleicht sogar die eine oder andere Kulturveranstaltung wieder gefahrlos möglich wäre?

Wogegen kämpfen wir eigentlich?

Bekämpft man in Deutschland eigentlich noch die Pandemie?
Oder wird nur darum gerungen, welche Maßnahmen man streichen kann, ohne, dass zu viel Menschen sterben?
Und wer erdreistet sich eigentlich herauszunehmen, dieses „zu viel“ zu definieren? Welch Anmaßung! Auf welcher moralisch-ethischen Grundlage wird in den Abendnachrichten berichtet, dass heute mal wieder 400 Menschen an oder mit COVID-19 gestorben sind? Und ach so, die hatten ja auch Vorerkrankungen und wären eh bald gestorben. So irgendwann in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren halt.

Derweil sitzen die Risikogruppen isoliert Zuhause. Gehen nicht mehr raus, treffen keinerlei Freunde oder Familie mehr und schauen sich im Fernsehen berichte über „Modellregionen“ an, in denen das „normale Leben“ propagiert wird. Kleine, isolierte Traumwelt-Projekte in denen für ein paar Wochen einige wenige Menschen mal heile Welt spielen dürfen, bis wegen der Inzidenzwerte alles wieder dicht gemacht wird.

Schade, dass in Deutschland nicht mehr die Pandemie bekämpft wird, sondern nur der Lockdown.

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