@Bastianoso

Willkommen in der Arbeitslosigkeit

Ich schreibe schon eine Weile an diesem Artikel,
genau genommen seit dem 1. April 2005.
Ich war mir auch lange nicht sicher, ob ich ihn überhaupt online stelle, denn die Themen dieses Blogs sind zwar vielfältig und gespalten, aber über alles muss ich ja nun auch nicht schreiben.

Wie man nicht nur in der Presse erfährt, befinde ich mich jedoch in guter Gesellschaft. In Gesellschaft von mehr als 5.175.577 (Stand: März 2005) Menschen in Deutschland.
So habe ich mich entschlossen den Artikel doch online zu stellen, bittesehr:

Ich bin Student

Eigentlich studiere ich an einer renommierten und von der freien Wirtschaft hoch geschätzten Universität.
Nun ist es dort so, dass nach dem ersten Semester eine so genannte Übergangsprüfung durchgeführt wird.

 

Die wichtigste Prüfung

Sie dient dem Prozedere des Siebens, welches hier eine kurze Erklärung finden soll:
Neben den üblichen Klausuren, findet am Ende des ersten Semesters eine Prüfung in zwei Fächern statt, für die der gemeine Student zwei Versuche mit je einer Wiederholung hat.
Es gilt Analysis und ein studiengangorientiertes Fach zu bestehen.
Besteht man beim ersten Versuch eine der Prüfungen, doch Analysis nicht (denn dort fällt man immer durch), so muss man in der Wiederholung nur Analysis wiederholen (et vice versa).
Fällt man bei der Wiederholung ebenfalls durch (das soll schon vorgekommen sein), so ist man genötigt beide Klausuren erneut zu absolvieren.
Das ist dann der zweite Versuch.
Dieser sieht dem Ersten recht ähnlich, nur fällt man dort durch die Klausur, so findet eine Exmatrikulation statt und ein Jahr studieren war vergebens.
Das Reglement wird hier strikt befolgt und es nützt einem nichts, die anderen Prüfungen mit Bestnoten bestanden zu haben.

 

Meine Schwäche, die Mathematik

Nun muss ich erwähnen, dass mir die Mathematik nie besonders Nahe gebracht werden konnte.
In der Schule wurden lediglich Rezepte zum Lösen der Aufgaben eingeübt, was für mich sieben Jahre auch ganz gut lief – ich hatte zeitweise gar 12 Punkte im Zeugnis.
Doch so geschah es, dass zu einer ungünstigen Zeit die Lehrkraft wechselte und der Mathematik Grundkurs mit den Fähigkeiten eines Leistungskurs Lehrkörpers verwöhnt wurde, was nicht nur meine Erfolgserlebnisse in Fragezeichen wandelte.
Das ungünstige an dieser Zeit war, dass ich mich in einem Jahrgang befand, der privilegiert war die Mathematik gänzlich aus seinem Lehrplan zu streichen.
Was ich freilich auch flugs tat, könnte es doch meinem Notendurchschnitt nur Gutes tun.

 

Die Mathematik stellt sich vor

So begab es sich, dass ich zum Studienbeginn drei Jahre lang die Mathematik nur zum Rechnen verwendet hatte.
Kenner der Mathematik können sich sicher vorstellen, welcherlei Schocks ich im ersten Semester erleidet hatte.
Ein mir völlig neues Thema wurde, da bereits aus der Schule bekannt, kurz wiederholt (kurz impliziert hierbei schnell), ad acta gelegt und das nächste Thema „wiederholt“.
Das ging etwa das halbe Semester so, dann kamen die, laut dem Professor, interessanten Dinge. Themen wie totales Differential, partielle Integration, unendliche Reihen oder Reihenentwicklung verkraftete ich erstaunlich gut, fiel aber trotzdem durch die Prüfung.

 

Mein Studium ist mehr als Mathe

Nun hielten mich sicher auch Programmierprojekte oder allerlei andere Vorlesungen und Arbeiten davon ab mich zielsicher auf die Analysis Klausur vorzubereiten, deswegen verbrachte ich die Semesterferien mit meinem neuen Freund, der Mathematik.
Ebenso wie das Semester darauf, in dem ich noch einen Film drehte und andere Vorlesungen per Klausur absolvierte.
Zum Schluss fehlte mir ein halber Punkt um die Prüfung zu bestehen und mit dem Studium voran zu schreiten.

 

Harte Sitten

Wie ich oben bereits erwähnte, wird das Reglement strikt befolgt und so erfuhr auch ich keine Gnade.
Wenngleich ich mindestens um ein zehnfaches tiefer in die Materie der Spielerei mit Zahlen eingestiegen bin.
Vor dem Frühstück z.B. schon löste ich übelste Differentationen mit Freude und danach, oh danach, war ich kaum zu bremsen!
Die Ingenieursmathematik ließ ich weit hinter mir und entwickelte gar eigene Reihen deren Konvergenz oder Divergenz ich mit einfachsten Analysen beweisen konnte.
Doch leider grenzte der Dozent ein ausgegrenztes Thema ohne Wissen der Studenten wieder ein.
Vermutet wird, er wolle damit die Durchfallrate von 70% um einige Prozentpunkte heben, doch das blieb unbewiesen.
Auf Anschreiben wurde schlicht nicht reagiert und ich wurde in einem kurzen Schrieb lediglich gebeten, alle ausgeliehenen Bücher wieder in der hauseigenen Bibliothek abzugeben.

 

Ich war Student

So sitze ich nun hier in meiner Arbeitslosigkeit und feile in aller Sorgfalt an meinen Bewerbungen.

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