Hikikomori a.k.a freiwillige Selbstisolation

Seit dem 9. März 2020 verweile ich wegen der Corona-Pandemie in freiwilliger Selbstisolation.
Aktuell sind es 191 Tage.

Worauf wir seit dem verzichtet haben

Wegen Corona gab es in Deutschland nie einen wirklich harten Lockdown, so wie es viele andere Länder auf der Welt durchgezogen haben. Lebensnotwendige Geschäfte waren immer geöffnet, jeder durfte das Haus verlassen und die Grundversorgung war zu jeder Zeit sichergestellt.
Dennoch hat sich Einiges geändert und seit dem 9. März haben wir auf die folgenden Dinge verzichtet:

  • im Supermarkt einkaufen
  • auswärts essen gehen
    • Restaurants
    • Eisbuden
  • Kino, Konzerte, Theater, etc. besuchen
  • Freunde treffen (mit wenigen und viel zu seltenen Frischluft-Ausnahmen)
  • die Familie sehen
  • Wochenendausflüge
  • Urlaub
  • Bummeln gehen
  • … und viele Kleinigkeiten mehr

Unsere Umstellung des Alltags

Um zumindest Teile davon zu kompensieren, haben wir unseren Alltag massiv umgestaltet und folgende Maßnahmen ergriffen:

Wie gehen wir mit den Lockerungen um?

Um es kurz zu machen: die aktuell beschlossenen Lockerungsmaßnahmen tangieren uns nicht einmal peripher.

Wieso?
Im Großen und Ganzen ist ja alles wieder erlaubt. Man kann in Restaurants essen gehen, Theater und andere Kultureinrichtungen öffnen wieder und man kann selbstverständlich in den Urlaub fahren. Man darf sogar bewusst in ausgewiesene Risikogebiete fahren, für die handfeste Reisewarnungen bestehen.
Also ist doch wieder alles gut, oder?

Nein, eben nicht. Die einzige Lockerung, die wir uns genehmigen, ist einmal die Woche kurz vor Ende den Wochenmarkt zu besuchen. Denn nur dort kommen wir an richtig guten Käse und frische Zutaten. Und dort den Menschen zu begegnen, die sich einen feuchten Kehricht um die aktuellen Vorsichtsmaßnahmen scheren, reicht mir schon dicke. Freischnaufende Nasen oder gleich gar keine Maske und Abstände sind sowieso egal. Diese Unverantwortlichkeit gegenüber sich und anderen macht mich wütend.

Wie soll ich rausgehen in diese Welt voll ignoranter Kacknasen und mich bei nächster Gelegenheit mit Corona infizieren? Wenn die Menschen scheinbar unfähig sind, sich an ein paar grundsätzliche Regeln zu halten, setze ich mich doch freiwillig nicht dieser Gefahr aus. Bin doch nicht meschugge!

Wenn man überall mit Coronaleugnern, Maskenverweigerern und anderen Covidioten rechnen muss, kann ich die Lockerungen am See zu sitzen oder spazieren zu gehen auch nicht mehr genießen.

Was ist nun Hikikomori?

Im Rahmen meines Corona-Tagebuchs, welches ich hier im Blog seit Februar diesen Jahres fast täglich schreibe (siehe Februar & März, April, Mai, Juni, Juli, August und September) bin ich am 15. September üben den Begriff Hikikomori gestolpert.

Der ursprünglich japanische Begriff bezeichnet in Japan Menschen, die sich freiwillig in ihrer Wohnung oder ihrem Zimmer einschließen und den Kontakt zur Gesellschaft auf ein Minimum reduzieren.

Wikipedia

In Italien unterstützt die Caritas nun italienische Hikikomori, also Menschen, die auch nach Ende des harten Lockdowns in Italien ihre Wohnungen nicht mehr verlassen wollen/können.

Der etwas sperrige Begriff der freiwilligen Selbstisolation klingt durch das Wort Hikikomori doch schon viel angenehmer. Mir war gar nicht bewusst, dass es dafür ein eigenes Wort gibt.

Während wir in Deutschland so etwas ähnliches wie einen Lockdown hatten, fiel es mir deutlich leichter, ein Hikikomori zu sein, denn schließlich ging es allen so.
Unsere Nachbarn, Freunde, Familie und Kollegen — alles saßen mehr oder weniger Zuhause fest und wir alle teilten ein ähnliches Schicksal.

Die Zeit war hart. Alles, was Spaß macht, ging nicht mehr, die Schulen waren geschlossen und die Eltern mussten nicht nur spontan aus dem HomeOffice arbeiten, sondern sich zudem auch noch um die Kinder kümmern. Alle waren auf einander angewiesen und haben versucht das Beste aus der Situation zu machen.

Und jetzt, wo durch Lockerungen wieder vieles möglich ist und auch die Schulen wieder so etwas wie einen Regelbetrieb anstreben, erweckt vieles den Anschein von Normalität: Menschen sitzen Restaurants, private Feiern mit viel zu vielen Menschen finden wieder statt und es wird der nächste Urlaub geplant.
Und genau dort sehe ich die Gefahr: es ist eben noch nicht normal. Corona ist noch nicht vorbei. Deutschland ist im Sommer um eine zweite Welle herum gekommen und wenn jetzt wieder alle so tun, als hätten wir so etwas wie Normalität erreicht, riskiert eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für eine heftige zweite Welle im Herbst/Winter diesen Jahres.

Klar, das COVID-19-Virus mutiert fröhlich vor sich hin und die vielen Neuinfektionen, die wir aktuell haben (DE: 1.901 seit gestern), verlaufen größtenteils mehr oder weniger harmlos. Viele junge Menschen infizieren sich und die landen nicht zwangsläufig auf Intensivstationen.

Dennoch ist über die Langzeitfolgen (Stichwort „Erschöpfungssyndrom„), auch bei jungen Menschen, noch nicht viel bekannt und mir steht persönlich nicht der Sinn danach, das selbst herauszufinden.

Das macht die aktuelle Situation so schwierig

Während wir im Frühjahr alle gemeinsam litten, sitzen ein paar Menschen auch jetzt noch isoliert Zuhause rum, während die große Masse da draußen von Party zu Party hüpft.

Wir sitzen eben nicht mehr im selben Boot. Für die einen ist Corona subjektiv vorbei, für die anderen schwebt das Virus wie ein Damoklesschwert übern ihrem Alltag und jede Lockerung steigert das individuelle Risiko, sich zu infizieren und gegebenenfalls dabei drauf zu gehen.

This is fine. I’m staying home.

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