@Bastianoso

„Generation Upload“ vs. Offliner

Ich bin schon weit über zehn Jahre online.
Erst noch in Internet Cafés, später mit dem eigenen Modem, dann ISDN und endlich DSL.
Als ich meine erste 786 KBit/s-Leitung mit Flatrate liegen hatte veränderte sich mein Leben signifikant und das virtuelle Leben (so nannten wir es damals noch) nahm schnell an Fahrt auf.

Während man sich früher noch zum Telefonieren (am Festnetzanschluss) verabredete und einmal am Tag nach E-Mails schaute – manchmal auch zweimal, bekomme ich heute meine E-Mails in Echtzeit auf’s Handy gepushed.
Auch Tweets, Neuigkeiten bei Facebook, Xing oder anderer Netzwerke erreichen mich nur wenige Sekunden, nachdem sie abgeschickt wurden. Wenn einer meiner Freunde in der selben Bar sitzt wie ich, informiert mich mein Handy darüber.
Meine Bankgeschäfte erledige ich von der Badewanne aus und kaufe und verkaufe meine Wertpapiere in der U-Bahn, während ich zur nächsten TwittNite fahre.

Ich kommuniziere mit meinen privaten und geschäftlichen Kontakten über SMS, Twitter, Facebook, Xing, Instant Messaging (ICQ, Skype, Jabber, whatever), Foursquare, Gowalla, Qype, Blip (sowie zahllose weitere soziale Netzwerke) und bin Mitglied in einem Sportnetzwerk bei dem ich sehen kann, wer gerade auf meiner Lieblingslaufrunde unterwegs ist.
Und wenn ich doch einmal telefonieren muss, dann machen wir schnell eine Telefonkonferenz um einen Treffpunkt auszumachen.

Als User in dieser web 2.0-Welt macht man sich freiwillig zum gläsernen Bürger – ganz unabhängig davon, ob Google nun weiß welche Feeds ich lese und wer mir E-Mails schreibt, teile ich mit nahezu beliebig vielen (fremden!) Menschen mein Leben. Meine Followerschar bei Twitter ist groß und ich kenne sicher nicht einmal 10% dieser Leute, dene ich täglich mitteile wie es mir geht und womit ich mich beschäftige.

All diese Technologien sind so selbstverständlich in unser Leben verwoben, dass wir ohne nachzudenken morgens, noch im Bett liegend, den ersten Tweet abschicken, uns über die neuesten Geschehnisse informieren und nach E-Mails schauen.
Wenn wir auf dem Weg zur Arbeit sind, checken wir mit Foursquare oder Gowalla bei unserem Stammbäcker ein und freuen uns über Punkte, Badges und kleine Icons von Bäckermützen, die wir mit unseren Kontakten teilen können.
Wenn wir unseren Anzug aus der Wäscherei abholen und dort, selbstverständlich, einchecken stellen wir fest, dass unser Kollege gerade beim Bäcker ist, wo wir ihm vor zehn Minuten das letzte Franzbrötchen vor der Nase wegkauften und er nun seine schlechte Laune per API an Twitter, Facebook und Friendfeed verteilt.

All diese Abhängigkeit fällt uns nicht auf – schließlich sind unsere Kontakte genauso drauf. Die Generation Upload ist ein erhabener Haufen Freaks mit Profilneurose, der jedem alles mitteilen muss.
Psychologen bezeichnen sowas gerne als histrionische Persönlichkeitsstörung.

Wir sehen uns hingegen höchstens als sozial exhibitionistisch veranlagt – aber das macht es nicht besser.

Auffallen tut das immer, wenn wir auf Offliner treffen. Jene Menschen, die jeder in seinem Freundeskreis hat, über die aber niemand gerne spricht.
Ohne, dass wir das wirklich aktiv tun würden, werden sie von uns ausgegrenzt.

Offline & Online

Ich war auf einer Offline-Veranstaltung, die ich durch Livetwittern online begleiten wollte und unterhielt mich gerade mit einer Gruppe Offliner als sich jemand zu uns gesellte und mich ansprach:

„Hahaaa! Ich find‘ Dich ja sooo witzig!“

„Freak, Gestörter, wer bist Du? Was willst Du?“, dachte ich und fühlte mich auf einen Schlag unwohl. Zögerte und musterte ihn ausführlich.
Wer er war?
Einer meiner Follower.

Als wir uns etwas mehr unterhielten, fiel mir ein ihn auch schon beim BarCamp Hamburg und anderen Netz-Veranstaltungen gesehen zu haben.

In seltsamer Erinnerung ist mir dieses Ereignis dennoch geblieben, symbolisiert es doch die immer noch allgegenwärtige Trennung von Offline- und Onlineleben.
Doch ist diese Trennung nicht mehr sinnvoll, denn die Grenze ist fließend und die beiden Leben verschmelzen teilweise erheblich.

Und dann kam das nächste Erlebnis:

Offline vs. Online

Ich war zu Besuch bei einem alten Kumpel aus meinem Heimatort und in seinem Wohnzimmer fiel mir ein herumliegender, angeschlossener Router auf, der aber abgeschaltet war. Verwirrt frug ich nach, was es damit auf sich habe und verdutzt antwortete er nur, dass sei sein Router gerade aus wäre, weil er offline sei.

„Waaas?! Du bist zu Hause aber Dein Computer ist aus?!“, stieß es aus mir heraus und er bejahte es verwundert.
Ich überging diese Eigenart (jeder hat ja so seine Macken) und wir klönten gemütlich weiter als ich eine E-Mail ansprach, die ich ihm vor etwa zwei Wochen zusandte – er hatte sie noch nicht gelesen.

Er hat keinen Facebook- oder Xing-Account, noch nicht einmal StudiVZ und ist erst recht nicht bei Twitter – von Foursquare o.ä. ganz zu schweigen.

Und er vermisst es nicht.

Ich schrieb von da an meine Tweets auf dem Klo und mir ging durch den Kopf, wie seltsam es doch ist mit Offlinern zusammen zu sein. Von dem Moment an fiel mir auf, wie viele Offliner doch in meinem Freundeskreis sind und wie wenig ich über sie weiß. Es ist schwierig überhaupt etwas über sie herauszufinden: man muss sie anrufen und nachfragen. Kein RSS-Feed, den ich einfach abonnieren könnte um auf dem neuesten Stand zu bleiben, keine Push-Nachrichten oder Foursquare-Logs.

Wir sind eine Gesellschaft, aber keine Gemeinschaft.

Besonders stach das hervor, als ich meinen alten DVD-Player, der einige Macken hat und nicht mehr alles abspielt (aber durchaus noch zu gebrauchen ist), zum Umstonstladen in Hamburg-Altona brachte.
Dort gibt es einen Tisch, auf dem alle Neuzugänge abgelegt, von den Mitarbeitern gesichtet und wegsortiert werden, doch mein DVD-Player lag keine zwei Minuten dort, da beäugte ihn bereits eine Dame und frug mich dazu aus:

Sie (dreht und wendet das Gerät): „Was ist das?“
Ich: „Ein DVD-Player zum Videoschauen. Der funktioniert noch, spielt aber keine DivX und VCDs mehr ab. Aber DVD geht noch.“
Sie (klappt die Abdeckung auf und fummelt am Laufwerk rum): „Ah, Kassette?“
Ich: „Nein, DVDs, diese flachen Scheiben so ähnlich wie CDs.“
Sie: „Ah, Musik!“
Ich: „Ja, Musik- und MP3-CDs kann er auch wiedergeben.“
Sie (murmelnd den DVD-Player in ihren Hackenporsche einladend): „Musik! Musik! Musik!“

Verwirrt dreinschauend stand ich da, während sie mit dem DVD-Player davonschob und machte mir Sorgen, ob sie das Gerät überhaupt angeschlossen bekommt.
Dann ging ich nach Hause, las unterwegs Tweets, checkte bei meinem U-Bahnhof ein und bootete von unterwegs schonmal den Rechner zu Hause. Dort angekommen ließ ich mich auf mein Sofa fallen, startete vom Handy aus den MP3-Player meines Rechners und lauschte der per WLAN gestreamten Musik im Wohnzimmer während ich nachdenklich meinen neuen DVD-Player betrachtete.

Ich glaube nicht, dass die Dame mit dem neuen DVD-Player weiß was Twitter ist oder ob sie überhaupt eine E-Mail-Adresse hat geschweige denn, dass sie eins von beidem brauchen oder vermissen würde.

Während wir wie selbstverständlich mit all diesen Diensten jonglieren gibt es eine große Menge von Menschen, die weit entfernt davon sind überhaupt in die Nähe davon zu kommen.
Wenn die MediaSaturn-Gruppe wieder DVDs für € 4,99 raushaut, gibt es heute noch Menschen, die überhaupt nicht wissen was DVDs sind, während wir doch innerlich schon wieder nach dem nächsten Stern, der Blu-ray, streben.

Ist all das wirklich nötig? Müssen wir early adopters immer das neueste Gadget benutzen während andere noch nicht einmal die Technologie von gestern kennen?

Auf Facebook gibt es mit dem Cause „Stick with last year’s model“ einen Gegentrend dazu. Dort wird aufgerufen aus Umweltschutzgründen sein altes Handy weiter zu benutzen, statt unnötig viel Müll durch ständig wechselnde Modelle zu produzieren.

Doch gibt es auch gesellschaftliche Gründe dafür, langsamer voranzurücken und der Technologie Zeit zu geben durchzusickern?
Wäre es nicht schön, wenn das Wissen über aktuelle und neue Technologien schneller in allen Schichten unserer Gesellschaft ankommen würde?

Eine Utopie?

Simplify

Es gibt einen weiteren Gegentrend, der auf den gesellschaftlichen Einfluss abzielt: die Simplify-Bewegung.
Simplifier sind Vereinfacher, die versuchen ihre Welt zu ent-knoten, ent-stressen und ent-schleunigen.
Dabei bedeutet das nicht Konsumverzicht, sondern lediglich bewusstes konsumieren.

Sei Dir bewusst, was Du tust.
Frage Dich, ob Du diese Anschaffung brauchst. Macht sie Dein Leben signifikant einfacher? Wieso brauchst Du es überhaupt? Gibt es eine andere Möglichkeit das Problem zu lösen? Kannst Du es vielleicht gebraucht erstehen?

In späteren Artikeln möchte ich dieser Bewegung gerne etwas mehr auf den Grund gehen.
Vielleicht ist sie nicht so utopisch, wie sie aussieht und vermag es uns ermöglichen bewusster mit den modernen Werkzeugen umzugehen und offener und toleranter denen gegenüber zu sein, die ihrer nicht mächtig sind.

Dieser Artikel ist auch im Buch @Bastianoso — Eine Blog-Zeitreise von 2005 bis 2013 erschienen.

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[…] bleibt abzuwarten, ob sich mein Erlebnis vom DVD-Player, welches ich im Artikel „Generation Upload“ vs. Offliner geschildert habe, bei Apple Pay wiederholen wird, oder ob Deutschland es endlich mal schafft, alle […]

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