Die zweite Welle

Im März und April diesen Jahres befanden wir uns in der ersten Welle der Corona-Pandemie.
Weltweit wurde, dem blindem Aktionismus untergeordnet, alles heruntergefahren.

Gegen Sommer entspannte sich die Lage etwas. Es wurde viel über die Möglichkeiten gesprochen, eine zweite Welle zu verhindern. Und nun ist Herbst, fast schon Winter und wir stecken in der zweiten Welle der Corona-Pandemie.

Was hat sich geändert?

Nun, auch wenn der erste Eindruck vermittelt, dass sich gar nichts geändert hat. So haben wir im Jahr 2020 doch viel über das Coronavirus gelernt. Schmierinfektionen sind eher selten, wenngleich das Virus mehrere Tage auf glatten Oberflächen überleben kann. Hauptinfektionsweg scheint die Übertragung via Luft zu sein. Tröpfcheninfektion über Aerosole. Über diese Aerosole wurde in den Sommermonaten viel gesprochen, aber subjektiv wenig getan.

Konsens fehlt völlig

Das ständige Tragen einer anständigen Mund-Nase-Bedeckung ist — mir völlig unverständlich — immer noch hoch umstritten.
Währenddessen sitzen in den Talk-Shows vermeintliche Fachleute und Experten, die lauthals ihre gegenteiligen Meinungen in die Welt hinaus posaunen.

Die Meinungen reichen von „die präventive Wirkung von Masken ist wissenschaftlich nicht bewiesen“ bis hin zu „an Ihrer Stelle würde ich keine normalen Alltagsmasken mehr tragen, sondern ausschließlich FFP2- oder besser noch FFP3-Masken„.

Während auf der einen Seite, quasi schon heroisch, mit freien Intensivbettenkontingenten angegeben wird und die Testkontingente in den Laboren fast schon als überdimensioniert bezeichnet werden, stellen die Gesundheitsämter Stück für Stück die Kontaktnachverfolgung ein. Zu viele Fälle, zu viele Kontakte der Betroffenen, die nachverfolgt werden müssen, zu wenig Personal (trotz angeblicher reichhaltiger Aufstockung).

Unpräzise Statistiken

Also Haupt-Infektionsort wird derweil schlicht „Zuhause“ angegeben.
Und ich kann mir nicht vorstellen, dass die Verantwortlichen diese Äußerung tatsächlich ernst meinen. Also so richtig ernst. Ich hoffe sehr, es ist mehr eine fixe Idee oder tiefgründige Analyse.

Das Virus materialisiert sich doch nicht willkürlich bei den Leuten Zuhause!
Es wird dort eingeschleppt.

Bei unseren Mitmenschen reden wir beständig von ihrem Migrationshintergrund. Völlig irrelevant, wie viele Generationen das nun schon her ist. Aber wenn sich jemand Zuhause mit dem Coronavirus infiziert, wird nicht hinterfragt, woher die Ansteckung wirklich stammt. Dann ist es gerade gut und recht, „Zuhause“ als Infektionsort in den Statistiken anzuführen.

Ich für meinen Teil sitze seit dem 9. März in freiwilliger Selbstisolation. Keine harte Quarantäne. Ich bringe den Müll noch selbst raus, entleere den Briefkasten und gehe sogar einmal die Woche die Dinge einkaufen, die man sich nicht schicken lassen kann.
Ich weigere mich deshalb, „Zuhause“ als Ort der Infektion zu akzeptieren. Sollte ich mich infizieren, so findet dieses Infektion definitiv nicht Zuhause statt, sondern woanders. Selbst Menschen, die die eigenen vier Wände nicht mehr verlassen und über einen Mitbewohner infiziert werden, haben sich rein technisch zwar „Zuhause“ angesteckt, doch der wahre Ort der Infektion ist meiner Meinung nach der ÖPNV, die Arbeit, der Supermarkt oder meinetwegen auch die Gastronomie oder sonstewas.
Die aktuelle Vorgehensweise, Sperrstunden auszurufen führt doch nur dazu, dass sich noch mehr Menschen Zuhause bei Freunden treffen und ihre womöglich unentdeckte Infektion weitergeben.
Stattdessen könnten sie auch mit Abstand und guter Lüftung in Bars sitzen.

Und was ist mit den Schulen passiert?

Gar nichts. Alle zwanzig Minuten soll gelüftet werden. Im Herbst/Winter. Und Masken sollen getragen werden, teilweise auch im Unterricht (je nach Bundesland). Mobile Luftfilteranlagen sind untersagt, weil sie mobil sind und nicht fest installiert. Fest installierte Lüftungsanlagen können nicht ad hoc montiert werden, weil Genehmigung- und Finanzierungspflichtig. Außerdem müssten für die notwendigen Bauarbeiten erstmal die Ausschreibungen laufen und Schulen für die Umbaumaßnahmen geschlossen werden, damit Leitungen und Lüftungskanäle montiert werden können. Sogar Spenden von mobilen Luftreinigern von Eltern werden abgelehnt.

Schüler werden in „Kohorten“ eingeteilt, aber Lehrer unterrichten kohortenübergreifend.
Erkrankt ein Lehrer, werden die Schüler aber nicht zwangsläufig getestet oder in Quarantäne geschickt, weil ja Abstände und Maskenregeln eingehalten wurden und die Schüler nicht gefährdet sind.

Und so tragen die Schüler ihre vielleicht sogar symptomlose Infektion nach Hause und stecken ihre Eltern an — die womöglich sogar zu einer Risikogruppe gehören.

Aber was ist mit der Wirtschaft?

Die Bevölkerung soll die schwächelnde und leitgeplagte Wirtschaft unterstützen.
Wir sollen aktiv gegen „die Verödung der Innenstädte“ ankämpfen und uns an verkaufsoffenen Sonntagen bei über 10.000 Neuinfektionen täglich in Massen durch die Fußgängerzonen quetschen. Danach schön in einem Restaraunt essen gehen und fleißig Urlaub machen (sofern just an diesem Tag überhaupt erlaubt), um die Tourismusbranche zu unterstützen.

Dabei werden fast täglich innerdeutsch und auch international neue Risikogebiete ausgewiesen und Beherbergungsverbote erlassen. Die dann gerichtlich wenig später wieder gekippt werden. Manchmal.

Ein Hoch auf den Föderalismus

Der deutsche Föderalismus hat Vorteile, klar. Demographiespezifische Gesetze, die zur Bevölkerung passen.
Bei einer weltweiten Seuche auf einem Planeten mit globalisierter Wirtschaft, die naturgemäß keine Landesgrenzen kennt, stiften die regional unterschiedlichen Regelungen aber mehr Verwirrung, als sie nützen.

Das deutschlandweit einheitliche Vorgehen wurde monatelang gefordert und besprochen. Doch kleinstaatlich handelnde und denkende Kurfürsten stemmen sich mit aller Kraft dagegen und argumentieren damit, dass sie die Lage bei sich ja im Griff hätten und die anderen Bundesländer erstmal bei sich aufräumen sollten.

Was haben wir davon?

Am Ende explodieren die Zahlen deutschlandweit und wir steuern allerorts auf einen zweiten Lockdown zu.
Dass wir gar keinen richtigen ersten Lockdown mit strikten Ausgangssperren hatten, vernachlässige ich an dieser Stelle einmal.

Ein zweiter Lockdown, der publikumswirksam von allen Seiten strikt ausgeschlossen wurde.
In Bayern herrschen hier und dort schon Ausgangssperren. In Hamburg schließt man ihn nicht mehr aus, auch Berlin ließ das Wort schon mal fallen. Fast schon, als wolle man die Bevölkerung schonend darauf vorbereiten.

Toilettenpapier ist vielerorts nun schon wieder ausverkauft. Das ist aber auch schon die einzige Reaktion auf die Androhung verschärfter Corona-Vorschriften seitens der Bevölkerung.

Nimmt man die Schwachmaten der Coronaleugner und Mitmenschengefährder mal davon aus, die jedes Wochenende maskenlos durch diverse Innenstädte ziehen und für ihr Grundrecht einer Coronainfektion demonstrieren. Oder so ähnlich.

Pessimistische Schätzungen noch übertroffen

Angela Merkel sagte kurz vor dem Herbst bei einer Pressekonferenz, wenn wir jetzt nicht handeln, werden die Zahlen exponentiell steigen und wir bekommen im Herbst ein echtes Problem.
Und wo stehen wir jetzt? Die damals als schwarzmalerisch belächelte, angeblich so pessimistische Hochrechnung von Angela Merkel mit der Überschreitung von 10.000 Neuinfektionen täglich irgendwann Anfang Dezember wurde bereits Ende Oktober übertroffen. Wir haben die Kontrolle längst verloren.

Ich kann es nicht mehr hören

Ich habe keinerlei Verständnis für Menschen, die meinen jetzt noch frohlockend durch die Welt springen zu müssen. In der ersten Corona-Welle im Frühjahr haben wir gesehen, welche Folgen das Herunterfahren der Wirtschaft in Deutschland hatte. Zahlreiche Geschäftspleiten und ins Bodenlose gesunkene Umsätze an jeder Ecke. Tausende Menschen in Kurzarbeit oder direkt arbeitslos.

Klar war es auch spannend, beim großen deutschlandweiten HomeOffice-Experiment mitzumachen und zu beobachten, wie es auf einmal, wie durch Zauberhand, doch alles remote funktionierte.
Und gegen ein paar Wochen ununterbrochenes HomeOffice hatte ich im Frühjahr auch nichts einzuwenden.
Nach inzwischen 232 Tagen in meinen eigenen vier Wänden würde ich aber auch gerne mal etwas Anderes sehen, die Kollegen zum Beispiel. Oder Freunde und Familie. Ich bin es wirklich leid, Einladungen zu Partys, Geburtstagen, Haus-Einweihungen, Richtfesten, Babypartys und was-nicht-noch-alles absagen zu müssen, obwohl es gerade in dem Moment doch legal wäre so-und-so-wieviele Personen privat in Innenräumen zu treffen.

Und wenngleich es „besser als nichts“ ist, mit Freunden Videocalls machen zu können, ersetzen die doch kein persönliches Treffen.

Und, vielleicht desillusioniere ich jetzt jemanden: es spricht nichts gegen eine dritte, vierte, fünfte Welle.
Solange es keinen wirksamen Impfschutz gibt und sogar die Immunisierung nach überstandener Infektion noch immer nicht wissenschaftlich belegt ist, können uns jederzeit weitere Infektionswellen überrollen.
Die USA stehen beispielsweise gerade der dritten Welle gegenüber. Und von Welle zu Welle werden die Ausschläge nach oben größer.

Es wäre jetzt wirklich mal an der Zeit, das Coronavirus ernst zu nehmen und die uns zur Verfügung stehenden Maßnahmen zu befolgen. Hände waschen, Alltagsmaske tragen, Abstand halten (meinetwegen auch die App installieren).
So sind wir gut durch den Sommer gekommen und wenn man sein Kleinhirn auch nur mal ein wenig anstrengen würde, würden wir so auch ohne Sperrstunden oder gar Lockdowns durch den Winter kommen.

Ja, wir könnten sogar Weihnachten mit unseren Familien feiern und mit ihnen womöglich einen Weihnachtsmarkt besuchen! Wäre das nicht schön?

Aber die wären doch sowieso bald gestorben

Und bitte, bitte, auch das kann ich nicht mehr hören: es trifft ja nur die älteren Menschen mit Vorerkrankungen. Die wären ja sowieso bald gestorben.

Klar, ältere Menschen, insbesondere mit Vorerkrankungen, tragen ein höheres Risiko für einen schwerwiegenden Verlauf der Infektion. Aber schon mal dran gedacht, dass Du als 30-jähriger Raucher mit einer angeborenen aber unentdeckten Herzklappen-Insuffizienz (die Dich im Alltag gar nicht einschränkt) auch zur Risikogruppe gehörst und dabei draufgehen könntest?
Es liegen sogar 20-Jährige an den Beatmungsmaschinen.
Freie Intensivbettenkontingente sollten hier niemanden beruhigen. Es sollte nicht Dein Ziel sein, intubiert auf einer Intensivstation zu landen.

Und alle Menschen über 45 sind also sowieso zu alt und würden bald sterben? Nein? Das Risiko steigt erst ab 50? Oder 60? Wo ziehst Du die Linie? Welche Menschengruppen soll für Deine Freizügigkeit reinen Gewissens geopfert werden können? Wer soll sterben, wer darf leben?

Nie war es so einfach die Leben vieler Menschen zu retten: Kontakte reduzieren, Abstands- und Hygieneregeln einhalten und schon kommen wir irgendwie durch diese Pandemie.

Und danach kannst Du sogar noch Deine Eltern besuchen, weil sie noch leben. Klingt das nicht gut?

Aber so umkoordiniert und chaotisch, wie derzeit mit der Pandemie umgegangen wird, richte ich mich wohl eher auf einen zweiten Lockdown ein, stocke die Vorräte noch einmal auf und isoliere mich weiter selbst von der Außenwelt und all ihren ignoranten Kacknasen, die immer noch meinen „Corona ist doch nur eine Grippe“,

Und vielleicht hole ich zu Ostern dann kurz mal Luft, bevor uns die dritte Welle erfasst — oder haben wir dann ein Jahr später vielleicht das richtige Verhalten gelernt? Wir werden sehen …

Viele weitere Informationen zur Corona-Pandemie, der ersten und zweiten Welle und all dem, was noch kommen wird, findest Du in meinen Corona-Tagebüchern.

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