Brainstorming für besseren Distanzunterricht

Mit dem Neujahrs-Lockdown blieben auch die Schulen nach den Weihnachtsferien größtenteils geschlossen. Mit einem Wechselmodell aus Präsenz- und Distanzunterricht soll den Schülern nun der Lernstoff vermittelt werden und das Internet ist voll von Erfahrungsberichten, was alles nicht funktioniert.

Ausschlaggebend, für diesen meinen textlichen Erguss war dieser Twitter-Thread von der 12-jährigen Lexa:

Erfahrungen aus dem Distanzunterricht.

Ich bin nun weder Schüler noch Lehrer, aber in der IT tätig und habe im Rahmen meiner derzeitigen kriseninduzierten Schlaflosigkeit ein kleines Brainstorming gemacht, was man tun müsste, um den Distanzunterricht effizienter zu gestalten.

Wem die Herleitung zu lang ist, kann auch direkt zum abgeleiteten Distanzunterricht-Zielbild springen.

Aktuelle Distanzunterricht-Ausgangslage

Wie so oft, kann man auch hier nichts verallgemeinern. Es gibt wohl Klassen, in denen läuft es ganz gut und Klassen, in denen läuft es so gut wie gar nicht. Die meisten Probleme und Beschwerden, von denen man dieser Tage liest, lassen sich auf die folgenden Probleme zurückführen (in beliebiger Reihenfolge):

  • unzureichende IT-Ausstattung der Schüler und Lehrer
  • fehlende oder unzureichende IT-Infrastruktur in den Schulen
  • technisch unbeholfene Lehrer, daraus folgend komplizierte Individualprozesse
  • allgemein schwierige Bedingungen für Schüler, Lehrer und Eltern

Rahmenbedingungen des Brainstormings

Kern eines sinnvollen Brainstormings ist es immer, einfach wild alle Ideen zu versammeln und sie im ersten Schritt auf keinen Fall zu bewerten. Denn vielleicht lassen sich auch aus blöden Ideen noch sinnvolle generieren oder ableiten. So habe ich den Rahmen relativ weit gefasst und bin von den oben skizzierten Problematik ausgegangen.

Es geht also darum, Ideen zu generieren, mit denen die vorliegenden Herausforderungen gelöst oder zumindest abgemildert werden können und sowohl Lehrer als auch Schüler enabled werden, Distanzunterricht durchzuführen.

Worum geht es beim Distanzunterricht?

Der Grund für das Distanzlernen ist die angestrebte Verringerung der Neuinfektionen durch den womöglichen Infektionsherd Schule. Ziel beim Distanzunterricht ist natürlich, dass die Schüler den Schulstoff wie gewohnt vermittelt bekommen und ihnen kein Nachteil durch den Wegfall des Präsenzunterrichts entsteht.
Weder für den Lernprozess, noch für die Prüfungen und Abschlussklausuren.

Daher sollten die Bedürfnisse der Schüler ganz klar im Zentrum der Bemühungen stehen und dazu gehört natürlich auch, dass die Lehrer und Eltern mit ins Konzept einbezogen werden.

Ideen für den Distanzunterricht während der Pandemie

Die im Brainstorming generierten Ideen sind allesamt keine Zauberei und sollten vielmehr als Zielbild verstanden werden. Jeder Schritt in Richtung dieses Ziels kann schon hilfreich sein.
Und natürlich bleibt es unbenommen, dass man all das hätte schon in den Monaten nach dem ersten Lockdown hätte angehen müssen, um dieser Tage gut aufgestellt zu sein.
Aber so war es nun mal nicht und hinterher ist man sowieso immer schlauer. Daher sollte man sich jetzt darauf konzentrieren, die akuten Probleme zu lösen.

Wäre es nicht schön, wenn das Thema Distanzunterricht nicht mehr im Fokus stehen würde und wir festhalten könnten, dass wir ohne große Probleme zu bekommen, Schulen auch mal für ein paar Wochen schließen können?

1. Materialversorgung von Lehrern und Schülern

Nicht alle Lehrer und Schüler haben das benötigte Arbeitsgerät Zuhause. Daher sollten sowohl die Lehrer, als auch die Schüler mit entsprechenden Arbeitsmitteln ausgestattet werden. Um die Kosten und den Verteilungsaufwand so gering wie möglich zu halten, wäre es natürlich schön, wenn jeder Lehrer und Schüler das gleiche Gerät erhalten würde. Das ist aufgrund der aktuellen Situation jedoch schwierig zu gestalten, daher wäre meine Idee dieses Problem in eine nachfolgende Fragestellung zu verlagern, und stattdessen zu beschaffen, was beschaffbar ist.

Initiales HomeOffice-Setup

Als Minimalausstattung würde ich idealerweise einen Laptop oder schlimmstenfalls einen stationären Computer mit Tastatur, Maus und Monitor ansehen.
Der Ende letzten Jahres erschienene Raspberry Pi 400 ist beispielsweise ein kompletter kleiner Linux-Rechner im Tastaturgehäuse. Kommt als Kit für knapp € 100,- komplett vorinstalliert mit Maus und allen Kabeln und Adaptern. Da braucht man dann nur noch einen billigen HDMI-Monitor dranklemmen und fertig ist die Laube.

Alternativ bin ich mir sicher, dass nach einem entsprechenden Aufruf auch zahlreiche Firmen ihre ausgemusterten Laptops spenden würden.

Zusätzliche Gerätschaften wie Drucker, Scanner oder teure Office-Programme würde ich aus Gründen der Reduktion der Komplexität ausklammern.

2. IT-Infrastruktur

2.1 Kollaboration

Ist nun jeder Lehrer und Schüler potentiell arbeitsfähig, geht es darum, dass der gegenseitige Austausch und Dialog ermöglicht wird.
Hierzu gibt es bereits viele Lösungen, die in der Theorie durchaus funktionieren und ich würde dazu raten, auf komplexe Softwarestrukturen zu verzichten, und das Modell so schlank wie möglich zu halten.
Zum Einen verringert das die nötige Einarbeitung und zum anderen verheddern sich weder Lehrer noch Schüler in verschiedenen Systemen.

Swatch Cordless 2 an FritzBox anschließen

Benötigt wird eine Kollaborations-Software, idealerweise etwas wie Microsoft Teams, in der es die Möglichkeit gibt, Klassenverbände zu organisieren, Aufgaben zur erteilen, Kleingruppen zu bilden, Video- und Audiocalls zu machen, Bildschirme zu teilen und gemeinsam an Dokumenten zu arbeiten oder von jedem Schüler auch Dokumente selbstständig hochzuladen.
Die aktuell verschiedenen, in den Bundesländern eingesetzten Lern-Plattformen bieten bereits viele dieser Möglichkeiten, meist ohne die Call-Funktionalitäten, welche notfalls auch über Drittanbieter, wie bspw. Zoom, ergänzt werden können.

Der Einfachheit halber sollte für zu bearbeitende Arbeitsblätter auf einen allgemeinen und plattformübergreifend verfügbaren Standard gesetzt werden. Der de facto Standard Microsoft Word steht dabei leider nicht jedem zur Verfügung, daher sollten auch Opensource-Formate zum Einsatz kommen können.

Dass es theoretisch möglich wäre, Arbeitsblätter als PDF-Dokument auch mit ausfüllbaren Formularfeldern zu erstellen oder Word-Dokumente von anderen Programmen als Microsoft Word zu erstellen/zu öffnen, würde ich an dieser Stelle aufgrund der teilweise technisch unbeholfenen Lehrer nicht weiter verfolgen.

Make it simple!

2.2 Internetzugang

Allen, denen kein Internetzugang zur Verfügung steht (aus welchen Gründen auch immer), sollten unkompliziert die Möglichkeit zum Zugang zu einem mobilen Hotspot erhalten.
Entweder die Bedarfe werden von der Schule gedeckt oder die Nachbarn helfen hier freundlicherweise aus und werfen ein LAN-Kabel über den Balkon oder öffnen ihr Gäste-WLAN.

3. Enabling der Lehrer

Nun habe ich schon viele Ideen zur schlanken Ausstattung der Lehrer und Schüler mit Technik und Software gesammelt, doch was nützt das alles, wenn die Lehrer nicht damit umgehen können?
Zu oft lese ich, dass Lehrer ihre Arbeitsblätter verteilen, die Schüler diese ausdrucken, ausfüllen und wieder einscannen sollen, damit die Lehrer die Dokumente korrigieren können.

Da gibt es wesentlich einfachere Möglichkeiten und genau die müssen den Lehrern vermittelt werden!
Also lasst uns doch einfach mal ein technisches Coaching für Lehrer auf die Beine stellen.

Zeigt ihnen kurz die signifikanten Unterschiede verschiedener Betriebssysteme, gängige Softwarelösungen für den HomeOffice-Alltag und führt sie in die jeweilig präferierte Kollaborationslösung ein.

Lehrer müssen wissen, wie sie wo Dokumente einstellen können, wie sie ihre Schüler finden und kontaktieren können und wie man Calls managen kann. Und zwar nicht nur des Calls wegen, sondern um den Schülern in der aktuellen Situation bestmöglich den Stoff zu vermitteln.

Wäre es nicht denkbar, wenn die Agentur für Arbeit einmal ihre Datenbank nach aktuell arbeitslosen Menschen durchforstet, die halbwegs fit in der IT sind? Willige Kandidaten könnten dann den Lehrern zeigen, wie sie mit all dem umgehen können.

Eine provokante Idee: theoretisch könnte der Bund Reservisten, die sich mit IT auskennen, wieder in den aktiven Dienst stellen und für die zivile Fortbildung der Lehrer einsetzen. Aber dazu wird es wohl nie kommen.

3.1 Ein bisschen Spaß muss sein

Distanzunterricht

Erwachsenen-Pädagogen könnten Lehrern auch neue Impulse vermitteln, wie man Schüler Zuhause besser erreichen/abholen und bespaßen kann. Schließlich fehlen vor allem Kindern die sozialen Kontakte, die für die Entwicklung zu einem emphatischen Wesen von Belang sind und es gibt — auch remote — viele Möglichkeiten, Spaß ins Lernen zu bringen:

  • zeige mir Dein Lieblings-TikTok aus dem Bereich des Unterrichtsfachs
    (es gibt zig Videos, die sich mit Mathematik, Geographie oder Physik beschäftigen)
  • kleine Lernspiele für zwischendurch, z.B. skribbl.io, Among Us, You don’t know jack u.a.

3.2 Schüler aufschlauen

Das Grundlagenwissen in der Informationstechnik ist bei den Schülern wohl sehr unterschiedlich. Nachdem die Lehrer „wissen wie der Hase läuft“, sollten Sie ihr Wissen deshalb direkt an die Schüler weitergeben und Unterstützung beim Einsatz der vereinbarten Tools bieten können.

4. Entzerrte Stundenpläne

Dienst nach Vorschrift funktioniert gerade nicht. Wir befinden uns alle in einer Krisensituation.
Was haben wir „im Büro“ gemacht, als verpflichtendes HomeOffice für alle angeordnet wurde?
Wir haben in einem stundenlangen Videocall nur darüber diskutiert, wie wir in der Zeit arbeiten wollen und können. Was funktioniert noch wie gewohnt, was muss adaptiert werden? Welche Meetings sind noch sinnvoll, welche nicht? Wo brauchen wir vielleicht neue Formate?

Wir haben Kaffeerunden eingeführt, in denen wir zwanglos und ohne Agenda zusammenfinden und uns austauschen können und veranstalteten Spieleabende. Was nach Larifari und Tüdelkram klingt, ist über die Monate zu einer erfreulichen Abwechslung in der Ödnis der Isolation geworden.

Auch ich finde es anstrengend, mich den ganzen Tag von Call zu Call zu wählen und komplexe Themen zu besprechen. Die eigentliche Arbeit an den Themen kommt dann ja noch obendrauf.
Das können Kinder nicht ohne Vorbereitung aus dem Stand heraus leisten.

Entzerrt die Stundenpläne, schafft Raum für Emotionen und Austausch. Wieso müssen Schul-Zoom-Calls um 07:30 Uhr beginnen? Und danach folgt Stunde um Stunde, in der die Kinder still vor dem Monitor sitzen und versuchen dem Stoff zu folgen … das ist doch nicht zielführend! Zumindest nicht, wenn man anstrebt, dass die Schüler auch etwas vom Stoff mitnehmen.

Abgeleitetes Distanzunterricht-Zielbild

In einer idealen Welt hätten wir in der Zeit nach dem ersten Lockdown die benötigten Geräte beschafft, die Lehrer und Schüler damit vertraut gemacht und einheitliche Lernplattformen aufgesetzt.
Um den Distanzunterricht jetzt ad hoc zu verbessern, plädiere ich für die folgenden Maßnahmen.
Das kostet zwar alles Geld, aber daran scheint es, zumindest laut unserem Finanzminister Olaf Scholz, gerade ja nicht zu mangeln.

Hier meine Vorschläge:

  • jeder Lehrer/Schüler, der einen Computer benötigt, erhält einen
    Betriebsystem egal, Hauptsache Office-tauglich, bspw. Raspberry Pi 400 + Monitor oder Laptop
  • plattformübergreifende Kollaborationslösungen werden eingesetzt
  • bestehende Kollaborationslösungen müssen verfügbar gemacht werden, damit der Zugriff darauf gewährleistet ist
  • Lehrer werden kurzfristig und flexibel „Hands-On“ geschult
    remote-VHS-Kurse, Coachings, technische Fortbildungen
  • Schüler erhalten Quick-Intro in ihre Arbeitsmittel
    wie funktioniert was, an wen wende ich mich bei Problemen?
  • Stundenpläne werden entzerrt
    Business-as-usual ist nicht angemessen
  • die Bedürfnisse der Schüler nach sozialem Austausch finden Berücksichtigung
    Kaffeeklatsch, Spieleabende, etc.
  • Klare Kommunikation der an die Krisensituation angepasste Erwartungshaltung
    damit meine ich keine abgesenkten Anforderungen, sondern Anerkennung und Honorierung der Arbeit während dieser belastenden Zeit

Es ist sowohl für die Lehrer als auch die Schüler eine ungewohnte und herausfordernde Situation, in der wir uns gerade befinden und gerade deshalb sollten Lehrer und Schüler an einem Strang ziehen.
Die Umstellung von schlichtem Frontalunterricht und dynamischen Gruppenarbeiten hin zum Selbstlernen muss pädagogisch intensiver betreut und stetig gemeinsam verbessert werden.

Gegenseitiges voneinander Lernen und eine rücksichtsvolle Umgangsweise miteinander können hierbei zusätzlichen Schub erzeugen und dafür sorgen, dass sowohl Lehrer als auch Schüler gestärkt aus dem Distanzunterricht hervorgehen.

Dass die von mir skizzierten Ideen teilweise Geld kosten, ist mir schon klar, aber das von dem rund 500 Millionen Euro schweren Bundesprogramm zur Finanzierung von Dienstlaptops für Lehrer oder den Geldern des Digitalpakts für Schulen nichts abgerufen wird, sich dafür aber zeitgleich über mangelnde Ausstattung beschwert wird, kann doch eigentlich nicht sein.
Ich würde mir wünschen, dass die Kultusministerkonferenz hier als Dienstleister für Schulen und Schüler aktiv wird und wir endlich mal einen Sprung nach vorne machen.

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