Wir alle hören gerne die Geschichten, die uns jeden Tag erzählt werden. Von Kollegen, Freunden und Verwandten oder aus Zeitungen. Alltagsgeschichten sind die Highlights des Lebens, wie sie nur das Leben selbst schreiben kann.
Unser Leben definiert sich durch die Geschichten, die wir aus ihm machen.
Sie heben das hervor, was uns bewegt, uns antreibt und motiviert – jeden Tag wieder auf’s Neue.
Geschichten sind es, nach denen wir dursten, wenn wir unseren Einkaufswagen träge durch die langgezogenen Gänge des Supermarkts schieben – passiert gleich vielleicht etwas Aufregendes?
Dieses schwammig-undefinierte “Aufregende” muss dabei kein filmreifes Ereignis sein; wir hungern nur nach etwas das unseren Alltag aufbricht und etwas Bemerkenswertes schafft in der Einöde der Routine.
“Remarkable” ist der englische Begriff dafür, der genau das beschreibt, wonach wir streben.
We all strive for a remarkable life.
Der Regisseur Tim Burton schuf mit der Wallace-Verfilmung “Big Fish” ein Meisterwerk des Geschichtenerzählens. Zwei Sichtweisen erzählen eine Geschichte: eine fabelhafte Welt voller Abenteuer & Wunder und das gewöhnliche Leben eines durchschnittlichen Menschen, laden zum Träumen auf dem weiten Feld dazwischen ein.
Der Film regt zum Nachdenken über das eigene Leben an. Unser Alltag erscheint uns oft trist und trüb, berechenbar und geplant; geradzu vorherbestimmt. Doch das liegt nur an unserer Sichtweise darauf, unserer selbsterfüllenden Prophezeiung der Einöde. Jeden Tag passieren uns außergewöhnliche Dinge, mal scheinen sie uns klein und unwichtig zu sein, manche dagegen drängen sich in den Vordergrund; aber in allen steckt das Potential einer aufregenden Geschichte.
Ein Beispiel unterschiedlicher Sichtweisen
Ich möchte euch eine Geschichte erzählen, geschildert aus den beiden eben bescriebenen Sichtweisen:
trist, trüb & unwichtig:
Ich stehe am Fenster und blicke auf die Straße als zwei Autos vorfahren. Die Fahrer steigen aus, begrüßen sich und jeder geht zu seinem Kofferraum. Beide kommen mit großen, blauen Tüten zurück, tauschen sie aus, laden sie wieder ein, verabschieden sich und fahren davon.
fabulös, ungewöhnlich & aufregend:
Ich stehe am Fenster und blicke auf die kleine Hamburger Nebenstraße, in der ich wohne, als zwei Autos vorfahren. Teure Limousinen, schwarz mit getönten Scheiben. Die Fahrer steigen aus. Beide tragen Anzüge und schwarze Lederhandschuhe. Sie begrüßen sich förmlich und gehen zurück zum Kofferraum. Ich schiele schräg auf die Kennzeichen der Wagen. Beide kommen aus Karlsruhe. Jeder kommt mit einem gut gefüllten, blauen Müllsack zurück, die sie austauschen. Sie schauen sich kurz um, schütteln sich die Hände und steigen wieder ein. Verlassen die Straße in unterschiedliche Richtungen. Ich bleibe zurück und starre noch eine Weile verwundert auf den Ort des Geschehens.
Nüchtern die eine, mysteriös die andere Geschichte.
Dasselbe Ereignis geschildert aus unterschiedlichen Sichtweisen. Beides hat sich exakt so zugetragen, ich habe nichts hinzugedichtet. Dennoch erscheint uns die zweite Erzählung der Ereignisse deutlich spannender und lässt mehr Spielraum für Spekulationen offen.
Niemand würde mir lange zuhören, wenn ich die erste Sichtweise schildern würde, doch die Zweite ist fesselnd und lässt fragende Gesichter zurück. Eine Diskussion über den Inhalt der Beutel könnte entbrennen und wilde Verschwörungstheorien offenbaren.
Solche Dinge passieren jeden Tag.
Meistens übergehen wir sie, ja nehmen sie gar nicht wahr.
Doch haben wir immer die Möglichkeit, sie zu sehen.
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